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Jodum

(die harte, hitzige Schwester von Tuberculinum)

Jod ist ein Stiefkind in der Homöopathie;es wird selten gebraucht, in unseren Fachzeitschriften sind wenig Fälle veröffentlicht, und Adolf Voegli schreibt nach langen Praxisjahren: "Es wirkt wohl gut bei den Nord- und Nordwestdeutschen wegen der Nähe des Meeres. Hier in der Schweiz habe ich es mit gutem Erfolg nicht ein einziges Mal gebraucht, es ist selten indiziert."

So selten ist Jod in meiner Praxis in Südwestdeutschland aber nun auch wieder nicht, und mit diesem Artikel werde ich versuchen, eine "Essenz" von Jodum zu vermitteln, die vielleicht dem einen oder anderen Homöopathen das Aha-Erlebnis in einem bisher ungelösten Fall bringen kann. Anhand des Konzepts von Tuberculinum, das als bekannteres, häufig angezeigtes Mittel große Gemeinsamkeiten mit Jodum aufweist, ist ein Einstieg in ein tieferes Verständnis von Jodum möglich.

Vithoulkas vergleicht in seinen "Essenzen homöopathischer Arzneimittel" Tuberculinum mit Menschen, "die die Kerzen an beiden Enden anzünden." "Sie fühlen, daß das Leben kurz ist, und daß man es voll auskosten muß; voll widersprüchlicher Gefühle suchen sie einerseits Erfüllung und Abwechslung, andererseits sind sie reizbar und unzufrieden." Dieses Gespür dafür, nicht lange genug zu leben, zu früh zu verschwinden (=sterben), an Schwindsucht zu leiden, wird bei Tuberculinum durch Mechanismen kompensiert, die sich in drei Gruppen einteilen lassen:

LEBENSSEHNSUCHT:

Ruhelosigkeit (1,82) - schon bei Kindern (I,84) - die den Sinn hat, viel Verschiedenes zu erleben; Trieb zu laufen (I,107) (schnell gehen bessert:I,502) und zu wandern (I,143), um viel von der Welt zu sehen, später Reiseverlangen (I,77) (will verschwinden); Verlangen, Partner (Sexualtrieb vemehrt III,749), Wohnung und Beruf ("Job"- ein amerikanisch-tuberculinisches Wort) oft zu wechseln (selbst die körperlichen Symptome sind wechselhaft: I,454); orale Lebenssucht- man magert schließlich bei Heißhunger ab (III,421) - bei Leuten, die auch nachts an den Kühlschrank eilen (III,421); Verlangen nach genußintensiven Delikatessen (III,483), gieriges Verlangen nach kalter Milch (III,484), Eis (III,484), kalorienreichem Fett (III,483), fettem Schinken (mit Geschmacksverstärker= Lebensintensitätssteigerung) und lebensversüßenden Schleckereien (III,485).

Jod ist ebenfalls unruhig (I,82), kann nicht still sitzen, hat Bewegungsdrang, aber weniger Wechselhaftigkeit; er reibt sich oft in einer Arbeit oder einem Lebenswerk auf und erscheint als der typische worcaholic oder Arbeitssüchtige (fleißig: I,36). Jodum kann dabei durchaus konstruktiv sein, während Tuberculinum die Arbeit schnell schal wird. Die Hyperaktivität von Jod ist weniger von Sehnsüchten geprägt (Der Tuberculinum-Patient wird in der Anamnese bedauern, was er schon alles verpaßt hat, und davon erzählen, was er alles noch erleben will.), sondern scheint ohne emotionalen Hintergrund zu sein: impulsiv, aus sich heraus. Die jodische Reise ist weniger von Reiselust geprägt, sondern findet eher als Geschäftsreise statt (geschäftig:I,56), der Sexualtrieb ist unauffällig. Die Abmagerung (I,407) wird zwar auch durch Heißhunger zu kompensieren versucht (III,421), aber in seiner Nahrungsauswahl ist Jodum nicht wie Tuberculinum von Gelüsten geprägt, sondern lebt von Steaks und Alkohol(III,482); es ist weniger differenziert und sensibilisiert für Leckeres. Süß mag es nicht (III,419, da ist Tuberculinum auch dabei, in der Regel liebt Tuberculinum aber Süß), das trifft auch für die emotionale Ebene zu. "Ich kann alles essen, Hauptsache, es ist genug." Ißt Jodum nichts, geht es ihm schlecht; Essen bessert alle Beschwerden (I,498; Reizbarkeit I,79; Magenschmerz III,490, usw.). Jod ist so gefräßig, daß es sogar vom Essen träumt (I,393).

REIZBARKEIT

Tuberculinum spürt die Aussichtslosigkeit seiner Suche und Süchte und ist dadurch extrem frustriert, reizbar (I,77f; vor allem morgens I,78) und unzufrieden (I,111f). Die dauernd "neinsagenden Tuberculinum-Kinder, die mit ihrer gezielten Bösartigkeit (I,21; Zerstörungssucht I,149; möchte Sachen zerbrechen I,149) ihre Frustration ausdrücken, haben in ihrer Destruktivität ein kommunikatives Element; sie wissen genau, wo sie die Eltern treffen können und kalkulieren bewußt Strafen als Nervenkitzel (= Lebensintensitätssteigerung) ein. Jodum explodiert ähnlich wie Nux vomica (siehe auch Fall 3 im Anhang) unkontrolliert und heftig (I,60). "Er wird jähzornig und gewalttätig in einem plötzlichen Impuls. Es braucht kein äußerer Grund vorzuliegen ..." (J.Mezger: "Gesichtete homöopathische Arzneimittellehre", S. 798). Die Impulsivität kann sich bis zu einem plötzlichen Mord- oder besser Totschlagverlangen steigern (I,104,105) wie bei Nux-v., Hep. und Merc.. Hier geht es um die Entladung einer inneren Spannung von Jodum, nicht um das Gegenüber, zu dem Jodum wenig Bezug hat ("sich-hingezogen-fühlen", "eine Beziehung eingehen").

ÄNGSTE

Tuberculinum fürchtet den Tod (I,47) - symbolisch auch als schwarzer Hund (I,44) verkörpert; die Furcht vor Hunden stellt außerdem eine Projektion der potentiellen eigenen Aggressivität nach außen dar. Es fürchtet sich bei Gewitter (I,44), und Tuberculinum-Kinder leiden unter Pavor nocturnus, bei dem Tuberculinum das wichtigste Mittel der Materia medica ist.
Jodum ist von Angst geprägt, und hier im höchsten Rang (I,3, das heißt, auch bei dieser Emotion steht der Jodum-Mensch außer Beziehung zu seiner Umgebung, ist angstvoll per se. Eine mögliche Beziehung erregt Furcht, wenn z. B. Personen sich nähern (I,45) oder vor einem möglichen Therapeuten ("will den Arzt nicht sehen, er scheint sie zu erschrecken" I,41); er fürchtet Menschen allgemein (I,45). Ansonsten sind die Ängste unkonkret und beziehen sich auf mögliches Unglück (I,47), Unheil (I,48) und den Tod (I,46). Eine mögliche Geisteskrankheit löst Ängste aus (I,43), weil dadurch die Fluchtmöglichkeit in Emsigkeit und Arbeit genommen werden würde, die wohl den einzigen Schutz des Jodum-Menschen vor Nähe etc. darstellt. Die Furcht vor Wasser (I,48) - das Element, das tragen und liebevoll umströmen kann - läßt eine tiefe Störung des Urvertrauens bei Jodum vermuten. Es ist einer seiner Alpträume (I,390), ins Wasser zu fallen (I,393; auch seine/ihre Tochter fällt ins Wasser), oder nur im Schlamm (undurchsichtige Welt der Gefühle) zu waten (I,398).

Neben den genannten Ähnlichkeiten der beiden Mittel Jodum und Tuberculinum bezüglich der drei tuberculinischen Kompensationmechanismen gibt es noch weitere im Bereich der Wärme/Wetter-Modalitäten und der körperlichen Symptome.

Von Jod ist seine Hitzigkeit (I,461) im doppelten Sinne bekannt. Für die Lösung der Fälle 1 und 2 (im Anhang) war die Tatsache, daß ich nie sonst während einer Anamnese so gefroren habe, ausschlaggebend für eine Gabe von Jod. Leider sind die in den Anfangssituationen der Praxis so häufigen Hausbesuche nicht mehr möglich, so daß die Möglichkeiten, Jods Wohlbefinden in der Kälte wirklich hautnah zu erleben, stark abgenommen haben. Jod haßt das warme Zimmer (I,527), Kälte bessert alle Beschwerden (I,504), und das Frischluftverlangen ist groß, da auch frische Luft generell wohltut (I,510).
Tuberculinum ist eher kältlich (I,463), mag keine warmen Zimmer (I,527) und hat ein Verlangen nach Frischluft (I,510), die ihm trotz Erkältungsneigung (I,504) Besserung bringt (I,511).

Einige körperliche Merkmale.

Jod ist wie Tuberculinum ein Mittel für geschwollene Lymphknoten (I.448), oft perlschnurartige Schwellungen (I,449); die Tuberculinum-Lymphknoten sind hart oder weich, die Jodum-Knoten in der Regel hart (I,449, siehe auch die lokalen Rubriken II,115f;II,217;III,303,308+535 usw.)

Die Schilddrüse ist bekanntermaßen das stärkste Bezugsorgan zu Jod, in dessen Arzneimittelbild sich fast alle krankhaften Schilddrüsenveränderungen widerspiegeln: Schwellung, (schmerzhafte) Struma, Zusammenschnürungsgefühl etc...(III,307f). Das gesamte Jod-Bild erinnert stark an eine Schilddrüsenüberfunktion, trotzdem dürfte Jodum eher selten bei Hyperthyreose als Simillimum indiziert sein, weil wir nicht nach der klinischen Diagnose, sondern nach dem Gesamtbild der Symptome des Patienten die Mittelwahl treffen; Mittel wie Ars,. Nat-m., Lach. etc. wird man häufiger in Beracht ziehen müssen, auch Tuberculinum ist ein unbekannteres Strumamittel.

Nash schreibt in seinen "Leitsymptomen", er habe viele Fälle von Kropf mit Jodum CM (100000. Potenz), wenn es indiziert war, geheilt, indem er "für vier Abende nach Vollmond je ein Pulver verordnete". Was ihn zur Wahl dieses Zeitpunktes für die Einnahme bewogen hat, bleibt mir verborgen, ebenso, warum diese sehr hohe Potenz regelmäßig nach 28 Tagen wiederholt wurde. Aber die Heilungen bleiben wohl unanfechtbar.

In den Schilddrüsenrubriken finden wir auch überall Spongia, den jodhaltigen gerösteten Meerschwamm, der mit seiner lachesisartigen Halsempfindlichkeit von Halbhomöopathen oft in der D4 als Ersatz für synthetische Schilddrüsenhormone entsprechend schematisch eingesetzt wird.

Achten Sie bei Frauen, die langjährig Tabletten zum Schilddrüsenhormonersatzt schlucken, immer auf Jodum-Symptome, vielleicht ist ihr Heuschnupfen (Jodum hat die meisten typischen Pollinosissymptome im Arzneimittelbild) nur eine "Nebenwirkung" - oder auch ihre rezidivierenden Ovarialzysten (vor allem rechts)(III,773). So habe ich bei einer Patientin, der eine Operation wegen einer "tomatengroßen" Zyste am rechten Ovar bevorstand, eben diese Zyste nach einer Gabe Jodum 200 innerhalb einer Woche völlig verschwinden sehen, so daß sich der chirugische Eingriff erübrigte.

Otto Leeser, erklärter Verfechter der naturwissenschaftlichen Richtung der Homöopathie, schreibt in seinem "Lehrbuch der Homöopathie" (Bd.A, S.223) zum Thema Jodum/Schilddrüse: "Die Eigenart des relativ großen Jod-Atoms mit seiner Neigung, in die äußere Elektronenschale ein 8. Elektron aufzunehmen, entwickelt sich über das Streben von Jod in die Biosphäre der Erde bis zu dem Organ der Schilddrüse; kein Wunder, daß diese in Überfunktion gerät und so die Grenzen als"soziales Organ" überschreitet, um sich in allzu vieles einzumischen."

Der Jodum-Mensch wird entsprechend unsozial, indem er auf die Gefühle der anderen keine Rücksicht nimmt (auf seine eigenen auch nicht), und seine Umgebung durch seine Hyperaktivität tyrannisiert- sozusagen hinter dem nun vergrößerten Schutzschild.

Jodum ist akut angezeigt bei trockenem, im Kehlkopf schmerzendem Husten und bei Krupphusten. Harter Husten und harte Lymphknoten lassen an das verwandte Halogen Bromum denken. In der Kruppbehandlung wird Jodum durch das allmächtige Trio Aconit-Spongia-Hepar sulfuris nur im Meerschwamm versteckt zum Einsatz kommen. Trockener Husten und schlimmer im warmen Zimmer läßt wieder neben Jodum Tuberculinum ganz nach vorne treten.
Der Stockschnupfen,der im Freien besser ist, speziell bei "Reizbar-Überaktiven", kann zur Verordnng von Nux-v. führen. Man sollte bedenken, daß auch Jodum eines der wichtigsten Mittel ist, die im warmen Zimmer die Nase voll haben (III,185) - achten Sie auf dieses Symptom wiederum (subchronisch) bei Thyroxin-Verbrauchern.

Jodum soll ein wichtiges Pneumoniemittel sein (II,214); ich habe damit keine Erfahrung, wohl aber sind mir mehrere Fälle von Pneumonien bekannt, in denen Tuberculinum das heilende Mittel war (3-wertig nachtragen!).

Interessant scheint mir noch das in Fall 2 (Anhang) aufgetretene Symptom zu sein, daß sie "alles hört außer menschlichen Stimmen"(III,135), drückt es doch sehr viel über das gesamte Wesen von Jodum aus: Isolation, soweit es zwischenmenschliche Kontakte betrifft, ansonsten leistungsfähig. Stillt Jodum - gibt es also, (frz."donner" heißt sowohl stillen als auch geben) - so magert es ab. Die Brust atrophiert (II,233). (Jodum-Spruch: "Soll ich es mir denn aus den Rippen schneiden?").
Der Exkurs zu den körperlichen Symptomen soll hiermit beendet sein, alles andere müßte ich abschreiben, statt aus eigener Beobachtung und Überlegung zu berichten.

Die Frage, die sich zum Schluß stellt, ist: "Warum sind die Jod-Menschen so?" Ich denke, jeder Mensch hat seinen eigenen Mechanismus, wie er auf Verletzungen und enttäuschtes Liebesverlangen (vor allem in der Kindheit) reagiert. Jedes homöopathische Arzneimittel verkörpert in seinem Arzneimittelbild das Schema eines solchen Mechanismus: Reagiert der Patient ähnlich, wie es von dem personifizierten Arzneimittelbild bekannt ist, und ist die Ähnlichkeit groß genug, so wird der Patient durch die Einnahme der passend gewählten Potenz befähigt, seinen Reaktionsmechanismus ein Stück weit aufzulösen. (Die Tür eines Käfigs wird geöffnet, herausgehen muß er selbst.)
Jodum hat auf frustrane Erlebnisse so reagiert, daß es sich weder die Zeit nimmt, eigene verletzte Gefühle differenziert wahrzunehmen, noch seine Mitmenschen (= potentielle Enttäuscher) an sich heranzulassen und ihnen zuzuhören oder sie als emotionale Wesen überhaupt wahrzunehmen. Da ihm die Möglichkeit fehlt, 'cool' zu reagieren (wie z. B. Sepia, das ebenfalls Jod enthält), reagiert es 'hot' - mit einer Flucht nach vorn in Überaktivität und Arbeit (wo es dank seiner hohen Energie kaum je enttäuscht werden kann).

Tuberculinum-Patienten können wir mit "ihrem" Mittel helfen, ein Stückchen mehr im Hier und Jetzt zu leben. Jodum-Patienten werden wegen ihrer mangelnden Bereitschaft, an sich selbst zu arbeiten, selten den Weg zum Homöopathen finden; wenn wir einen Jodum-Kranken vor uns haben, sollten wir fähig sein, ihn zu erkennen, und ihm mit "seinem" Mittel ein Stückchen zu helfen, zu sich zurückzufinden und ihn "weicher" zu machen.

Es folgt ein Schema interessanter Vergleichssymptome von Jodum und Tuberculinum, analog zum vorausgegangenen Text; *, ** und *** drückt die Wertigkeit aus, die nicht immer mit der im Keller/Künzli-Kent übereinstimmt, sondern aus diversen Quellen stammt (synth. Repertorium, M. Burgess-Webster bei Tub., u. a..), die aber verläßlich nachgetragen werden kann.

Jodum Tuberculinum
** Ruhelosigkeit I,82f ***
* Läuft umher I,69 *
** will reisen I,77 ***
** fleißig I,36 ***
* Sexualtrieb vermehrt III;749 ***
*** Abmagerung I,407 ***
** bei Heißhunger III,421 **
*** Heißhunger III,421 **
** nachts III,421 *
* Verlangen nach Fleisch III,483 *
** nach Alkohol III,482 **
- nach Delikatessen III,483 ***
- nach Eis III,483 **
- nach Fett III,483 **
- nach Fettem Schinken III,483 **
- nach Süßem III,485 ***
* Abneigung gegen Süßes III,419 *
*** Reizbarkeit I.77 ***
- morgens I,78 **
- Zerstörungssucht I,149 **
_ boshaft I,21 ***
** Verlangen zu töten I,104 -
* plötzlicher Impuls zu töten I.105 -
*** Angst I,2 *
* Furcht vor dem Tod I,47 *
* vor Unfällen I,47 -
** vor Unglück I,47 *
** vor Unheil I,48 **
* will den Arzt nicht sehen I,41 -
* vor Personen die sich nähern I,45 -
* vor Geisteskrankheit I,43 -
* vor Wasser I,48 -
** Alptraum I,390 **
* Traum, fällt ins Wasser I,393,402 -
* watet im Schlamm I,398 -
** Kälte bessert I,504 *
- Kälte verschlechtert I,504 **
* Erkältungsneigung I,504 ***
*** warmes Zimmer verschlechtert I,527 ***
*** Frischluftverlangen I,510 ***
*** Lymphknotenschwellung ***
*** hart I,449 *
** perlschnurartig I,449 **
*** Struma III,308 **
*** schmerzhaft III,308 *
** Heuschnupfen III,180 ***
*** Nasenverstopfung
im warmen Zimmer III,185 -
*** Husten trocken III,397 ***

Im Anhang bringe ich je einen akuten, subakuten und chronischen Jodum-Fall, die mit Hilfe ihrer klaren Symptomen die Einprägung des typischen Jod-Bildes beim Leser erhöhen sollen. Für die Patientin im Fall 1 vermute ich Jodum als chronisches Mittel, ihr war jedoch eine chronische Behandlung "zu heiß". Im Fall 2 lag wohl nur eine Jodum-Schicht vor, ausgelöst durch das Stillen. Patient Nr. 3 ging es lange nach Jodum besser, ich glaube aber, er hat nichts dazugelernt und wird früher oder später wieder Symptome produzieren.

Fall 1

Hausbesuch bei einer 37-jährigen Patientin wegen eines heftigen grippalen Infektes. Es ist Winter, in ihrem Zimmer steht das Fenster weit offen, und die Temperatur dürfte so um den Gefrierpunkt liegen. Am meisten belastet sie ein trockener Husten bei jeder Bewegung. Wenn die Fenster offen sind, ist ihre Nase nicht mehr verstopft. Der Schnupfen ist gelb, zäh (Kali-j.) und rutscht den Rachen hinunter. Sie hat drückenden Stirnkopfschmerz und alle Knochen tun ihr weh. Sie ist völlig heiser und kann kaum reden. Lust auf Joghurt und warme Getränke. Sie hat sich am Vortag erkältet, in ihren schlecht geheizten Arbeitsräumen. Die Nase hat angefangen zu verstopfen, am Abend hat sie sich matt gefühlt, in der Nacht ist ihr heiß geworden, und sie hat sich abdecken oder eine Hand oder einen Fuß zur Decke herausstrecken müssen, sie hat aber gut geschlafen. Sie hat häufiger als sonst das Bedürfnis, Wasser zu lassen - ohne Schmerzen oder Harndrang. Egal auf welcher Seite sie liegt, es tun ihr auf der entsprechenden Seite die Knochen weh. Ihre Erkältung führt sie auf den Streß der letzten Monate zurück, sie ist ein worcaholic, selbständig, arbeitet täglich - auch am Wochenende - von 6.30 bis 22.00 Uhr.
Jodum C30, in Wasser gelöst, bessert ihre Beschwerden bis zum nächsten Morgen fast vollständig.

Fall 2

Schon die Form der Anamnese bei dieser 31-jährigen Patientin weist auf "ihr" Mittel hin: Die Anamnese findet bei diesem Hausbesuch nicht in der Wohnung statt, sondern bei Minustemperaturen im Freien, wo die Patientin mit ihrem auf dem Rücken geschnallten Kleinkind im Kreis geht. Ins warme Zimmer mag sie nicht. Ich laufe schreibend im Kreis hinterher. Der Patientin macht in den letzten Wochen, nach elfeinhalb Monaten Stillen, das Kleinerwerden ihrer linken Brust zu schaffen. Sie fühlt sich überhaupt "ausgesaugt" und hat das Gefühl, Energie zu brauchen. Sie muß essen, sonst fühlt sie sich unruhig und schwach. Dabei verlangt sie besonders Trockenfrüchte, Äpfel und Getreide, gegen Fleisch und Kaffee hat sie eine Abneigung.
Sonstige Symptome: Neigung zu Gesichtsschmerz bei klarkaltem Wetter; sie hört alles gut, außer menschliche Stimmen. Wenn sie müde ist, hat sie einen Schleier vor den Augen. Der Blutdruck ist niedrig, deshalb fühlt sie sich morgens nicht fit, zwischen 13.00 und 14.00 Uhr hat sie einen weiteren Tiefpunkt und muß pünktlich zum Mittagessen. Der Zyklus ist noch nicht wieder eingetreten, er dauerte vor der Geburt des Kindes 28 Tage, die Blutung war stark, lang und oft schmerzhaft. Menarche mit 14 Jahren. Sie hat noch ein weiteres viereinhalbjähriges Kind. Sie ist nervös, flippig, hat Angst vor der Zukunft und davor, daß die Kinder wegsterben. In großen Menschenmengen ist sie aggressiv, sie schreit auch öfters ihre Kinder an. Sie hat wenig Zeit, ist ständig in Eile, spricht auch schnell und hat wenig Ordnungssinn.
Jodum LM 12, alle zwei Tage 3 Tropfen, bringt in sechs Wochen die Brustatrophie, die Müdigkeit und das Essenmüssen zum Verschwinden. Die Patientin fühlt sich ausgeglichener.

Fall 3

Der 62-jährige Patient, Inhaber einer gut gehenden Speisegaststätte, von früh bis spät am Arbeiten und in Bewegung, leidet unter hohem Blutdruck und nimmt dagegen seit ca. einem Jahr ein allopathisches Medikament. Trotzdem können seine Werte bis zu 200/130 RR ansteigen. Er schwitzt dann am Kopf, v. a. nachts und bei geringster Anstrengung, er fühlt ein Pulsieren, und die Schläfenarterien sind blutgefüllt. Hinzu kommt ein dauerndes Ohrensausen rechts. Bei Streß beginnen seine Hände zu zittern, innerlich zittert er nicht. Er "muß dann versuchen zu entspannen", um wieder ruhig zu werden. Sein Appetit ist groß. Übergeht er eine Mahlzeit, ist er nervös und reizbar. Ihm wird richtig schlecht vor Hunger, nach dem Essen ist er dann der beste Mensch. Er hat keine auffälligen Essensvorlieben, mag kein geräuchertes Fleisch. Nach dem Essen von Kuchen bekommt er Sodbrennen. Richtige Magenprobleme hat er jedoch nicht. Sein Arzt hat einen leichten Diabetes festgestellt.
Seine Prostata ist vergrößert, er kann die Blase nie auf einmal entleeren, sondern zunächst eine Hälfte, und erst nach einer Wartezeit ist die Entleerung der zweiten Hälfte möglich. Nykturie einmal pro Nacht. Letztes Jahr hatte er Ischias-Beschwerden rechts, er hat einen Hallux valgus, ebenfalls rechts. Öfter Muskelkrämpfe in den Beinen, fast ausschließlich nachts. Er schläft gut und tief, morgens steht er früh auf - auch weil er bei zu langem Schlafen Kopfschmerzen bekommt. Er ist immer hitzig, steckt nachts die Füße aus dem Bett. Bei drückendem Wetter, vor Gewittern und Stürmen, sowie in der Sonne und im warmen Zimmer fühlt er sich unwohl, dagegen liebt er den Regen. Früher hatte er öfters Nasenbluten, das sich schon vorher durch ein Druckgefühl in der Nase ankündigte.
Wie körperlich, so ist er auch psychisch hitzig. Wenn er stark gefordert wird, ist er aggressiv, schreit Frau, Kinder und Angestellte an. Bei Lärm kann er sich besonders schlecht konzentrieren. Seit 20 Jahren hat er schon Angst, daß bei großen Essensvorbestellungen etwas schief gehen könne. Mitten in großen Menschenmengen ergreift ihn die Panik. Sein Ordnungssinn ist im Geschäft sehr ausgeprägt, zu Hause nicht so. "Im Geschäft bin ich sehr gerecht, gegen Frau und Kinder weniger". Wenn er sich mit jemandem geschäftlich oder privat zerstritten hat, vergißt er das jahrelang nicht. Nach dem 2. Weltkrieg träumte er noch lange von den Bombenangriffen; heute träumt er öfter, daß er nicht von der Stelle kommt und - natürlich - vom Geschäft.
Er erhält Jodum LM12, sechs Wochen lang jeden zweiten Tag drei Tropfen, dann nach 14 Tagen Pause eine C200, die auch nach einem halben Jahr noch nicht aufgefrischt zu werden braucht.
Die Kopfsymptome bei hohem Blutdruck sind nicht wieder aufgetreten, kein Ohrensausen mehr, das Händezittern ist völlig verschwunden, auch die Blase funktioniert einwandfrei; er ist ruhiger geworden: "Ich schreie jetzt nicht mehr", Essen ist ihm immer noch wichtig.

K.-J. Müller, Heilpraktiker
Maxstr. 11, Zweibrücken


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