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Lycopodium

Nachdem ich diesem Mittel innerhalb eines Jahres in den Gaben von C 30 bis C 10000 begegnet bin und eine nicht zu leugnende heilsame Wirkung erfahren habe, fällt es mir immer noch schwer, mich mit dem herkömmlichen Arzneimittelbild Lycopodium anzufreunden.
Ich habe mir überlegt, ob nicht auch Lycopodium, ähnlich wie z.B. Sepia (1), eine "Modernisierung" des AMB nötig hätte. Wer möchte denn von s o einem Mittel geheilt werden.

Vassilis Ghegas und Vithoulkas beschreiben Lycopodium als aufgeblasen und feige. (2,3) Kent führt ihn III-wertig unter der Rubrik diktatorisch und machtliebend auf (4). Wut entwickelt er nur gegenüber Schwächeren, nämlich Frau und Kindern. Wenn er ehelicht, dann nur aus Statusdenken heraus. Bei der Vorstellung, ein Leben lang mit einer Frau zusammen zu sein, wird Lycopodium impotent und flieht aus der Familie, um sich seiner (untergebenen) Sekretärin in die Arme zu werfen. Für Candegabe (5) sind Hochmut, Minderwertigkeit und Erwartungsspannung im Zentrum eines Lycopodium-AMB.

Ein bedauernswertes Wesen also, das fahrradfahrender Weise, aufgeblasen hinter einem Mercedeslenkrad sitzt, nach oben buckelt und nach unten tritt.

Intelligenz und Organisationstalent sind die einzigen Attribute, die nicht den Beigeschmack von Verachtung tragen.

Wie realistisch sind diese beabsichtigt übertriebenen Arzneimittel-Beschreibungen? Repräsentieren sie noch ein griffiges Bild, das es dem Behandler erleichtert, Lycopodium zu erkennen? Sankaran (6) bemerkt bei der Darstellung von Lycopodium, daß es alles tun wird, damit die Wahrheit über seine wirkliche Situation nicht ans Tageslicht kommt. Insofern ist es für mich schon fast ein Koan, meine Reaktionen zu dem herkömmlichen Arzneimittelbild zu beschreiben. Wie leicht könnte ich doch die unbequeme "Wahrheit" nicht vertragen und meine "scheinbare" Wirklichkeit in ein besseres Rampenlicht stellen.

Eine gewisse Blindheit für die eigene Situation leugne ich gar nicht, doch verhilft, wie bei anderen Mitteln auch, die "Inkorporation" der verordneten Globulis zu einem bescheidenen Erkenntniszuwachs. Da die verschiedenen Gaben mehr als nur meine Verdauungsprobleme gebessert haben, beschloß ich endlich, die Wirkung des Arzneimittels zur Kenntnis zu nehmen. Mein Behandler hatte mich auch gewarnt, ich sollte mich von den Lycopodium-Darstellungen nicht abschrecken lassen.

Ich habe den Eindruck, daß die vielen aneinandergereihten Beobachtungen zum Lycopodiumbild keinen Sinn machen, wenn sie nicht in einen größeren Zusammenhang gestellt werden. Ich arbeite noch nicht lange genug in der Homöopathie, um diese Arbeit leisten zu können, möchte aber ein wenig von meinem psychotherapeutischen Hintergrund und meiner eigenen Erfahrung mit dem Arzneimittel berichten. Vielleicht fühlen sich auch andere angeregt, sich zum psychologischen und mythologischen Lycopodiumbild einige Gedanken zu machen.

Den ersten Zugang bekam ich, als ich über Candegabes Kreisschema nachgedacht habe (7).

Minderwertigkeit steht im Zentrum. Warum fühlt sich ein Mensch minderwertig? Ich stellte Candegabes Beobachtung nicht in Frage, war aber mit diesem Menschenbild unzufrieden. Was steht dahinter? Ich erinnerte mich an ein Buch über Muttersöhne (8), das mich vor Jahren im Urlaub fasziniert hatte. Volker Pilgrim arbeitete an einigen Stellen im Buch den Unterschied zwischen einem Muttersohn (Lyc) und einem Vatersohn heraus, den ich mit dem homöopathischen Aurum-Menschen vergleichen möchte. Das gesunde Aurum verfügt über eine natürliche Autorität und übernimmt Verantwortung für andere, ist religiös, im Sinne des Wortes "rückgebunden" an seine Herkunft. Sein Konflikt liegt darin, sich von den übertriebenen Wünschen und Vorstellungen des Vaters zu befreien und seinen eigenen Weg zu finden. Der Aurum-Sohn hat also einen väterlichen Zuspruch gehabt und konnte eine innere Wertigkeit, eine eigene Identität entwickeln. Bei dem Lycopodium-Sohn ist das anders: er mußte auf das männliche Wohlwollen fast gänzlich verzichten. Im Märchen "Der goldene Vogel" (9) ist nachzuvollziehen, wie der Fuchs (als das männliche Unbewußte) den Königssohn fordert und immer wieder trotz seiner "Fehler" unterstützt, damit der Prinz in der Welt, die er später regieren soll, Erfahrungen macht.

Der Lycopodium-Sohn wächst mit einem Vater-Defizit auf. Um die Bedeutung dieses Defizits etwas deutlicher zu machen, gehe ich in Anlehnung an R. Bly's Buch (10) etwas näher darauf ein:
Eine männlich geistige Identität wird nicht in den Genen mitgeliefert, sondern steckt in den kulturellen Werten, die die Männer z. B. in Mythen, Märchen, Liedern, Gedichten usw., als eine Art menschliche Software von Generation zu Generation weitergegeben haben. Ein Mensch wird nicht von selbst ein Mensch. Ohne die Beherrschung der Sprache entfällt ein wesentliches menschliches Merkmal, (z.B. das symbolhafte Denken). Ausgesetzte Kleinkinder, die von Tieren großgezogen wurden, verfügen nicht über menschliche Qualitäten. Auch ein Sohn kann sich nur zu einem Mann entwickeln, wenn er nahen Kontakt zu einer Vaterfigur hatte. Die Notwendigkeit für den Knaben, von einem bestimmten Alter an in eine männliche Rolle zu schlüpfen, sind in erster Linie durch den Geschlechtsunterschied bestimmt (11), der als Information in Gesellschaft und Familie existiert. Es ist die Aufgabe des Vaters, der den Sohn unterstützen muß, sich aus dem Bezirk des Weiblichen zu lösen, um die Einheit mit der Mutter zu überwinden.

Robert Bly beschreibt ein afrikanisches Initiationsritual, wo der Knabe aus der weiblichen Wohnstätte entführt wird und die Frauen mit gut gespieltem Ärger den Verlust bedauern. Der Knabe muß nun an einem abgelegenen Ort 3 Tage alleine fasten. Am Ende der Fastenzeit wird er von den Männern aufgefordert, sich eine Vene aufzuschlitzen und das Blut in eine Schüssel fließen zu lassen. Die Schüssel geht im Kreis und jeder Mann läßt sein Blut hinein. Dieses Blut des männlichen Kollektivs wird dem Knaben zum Trinken überreicht. Durch das nächtliche Ritual wird der Knabe in den Kreis der Männer aufgenommen und symbolisch auch von ihnen genährt.

Steht nun der Vater psychisch nicht zur Verfügung, so dauert die Einheit zwischen Mutter und Sohn länger, denn aus dieser Einheit herauszutreten heißt dann, die Gefahr einer ungewissen Zukunft auf sich zu nehmen.
Seitdem ein Großteil der Männer außerhalb der Familie arbeiten, haben die Söhne keine Vorstellung mehr, was ihre Väter machen. Alexander Mitscherlich hat den Begriff der vaterlosen Gesellschaft geprägt. Er sagt, daß die Knaben das durch die Abwesenheit entstehende psychische Defizit mit Dämonen füllen.

Hinzu kommt, daß wir seit dem kollektiven Wahn des 2. Weltkrieges einen Verfall all jener männlichen Werte haben, die auch als Korsett für die weltweite Massenvernichtung eine Rolle gespielt haben. (Ehre, Treue, Vaterland, Pflicht, ...) Ein großer Teil unserer Väter stand damit vor einer schweren Aufgabe. An das Alte konnten sie nur mit Scham zurückdenken - wirkliche männliche Werte waren auch schon vor dem III. Reich versunken. Mir war lange Zeit nicht klar, wieviel Schmerz in der Verleugnung der eigenen Staatsbürgerschaft steckte. Wenn ich im Ausland unterwegs war, verständigte ich mich gut mit Englisch, so daß ich meine deutsche Identität oft nicht preisgeben mußte. Heute wird mir auf einer anderen Ebene klar, daß ich nie vom Mutterboden aus das Land der Väter erreichen konnte. Zu viel unverarbeitete Geschichte lastete kollektiv auch auf mir. Scham und Vorwurf war lange Jahre meine Reaktion auf die Vergangenheit.

Die Lycopodiumfamilie oder die Tradition der Muttersöhne

Die Mutter wird in einer Verbindung, in der ein "Lycopodium"-Miasma besteht, den Mann als Partner und Bezugsperson vermissen. War es anfangs wirtschaftliche Not, die die Männer zu Überstunden trieb, so wird die Arbeit mit den Jahren zu einer Flucht aus der Partnerschaft. Die Konsequenzen aus einer solch verarmten Beziehung sind den Paaren weitgehend unbewußt. Eine Partnerschaft zwischen Mann und Frau dient nicht nur dem Großziehen von Kindern, sondern ist auch eine Verbindung, in der die Partner in jahrelanger Arbeit ihre gegengeschlechtlichen Anteile (Jung nennt sie Anima und Animus) entwickeln können. Erst nach diesem psychischen Reifeprozess kann eine zweite, innere Hochzeit vollzogen und damit die Beziehung erneuert werden. Negiert der Mann, regrediert die lebendige Beziehung zu seiner Frau, regrediert er direkt in den Schoß der Großen Mutter, die den Namen BETRIEB-FABRIK-UNTERNEHMEN trägt, die ihn statt mit Milch mit Überweisungen auf sein Konto nährt. Die Ehefrau leidet unter dem Beziehungsverlust und lenkt ihre Kraft meist auf ihre Kinder. Ein Kind ist einfach überfordert, das Defizit zu füllen, das der Vater in der Partnerschaft hinterläßt. Wie jedes Kind braucht das Lycopodium-Kind Unterstützung und Zuwendung, aber auch Raum für Entwicklung. Und genau diesen Raum hat ein Muttersohn nicht, wenn er zum emotionalen Partnerersatz mißbraucht wird. Ich selbst konnte mich gar nicht mehr an eine Geschichte erinnern, die meine Mutter vor Jahren mal zum Besten gab: "Nach der Geburt meiner Schwester wurden ihre Hände so steif, daß sie keine Flasche mehr halten, geschweige denn sie zubereiten konnte." Mein Vater habe sich einfach, als er von der Arbeit kam, ins Bett gelegt und sie ihrer Hilflosigkeit überlassen. Es ist an sich nichts Verwerfliches dabei, wenn ein Junge seine Fertigkeiten unter Beweis stellt, viel problematischer ist Leere, die sich durch Vorfälle dieser Art zwischen Mann und Frau entwickelt. Der Junge wird jetzt zum zuverlässigen Ritter seiner Mutter und kann seine Chanche nicht nutzen, wenn der Zugriff der Mutter z.B. durch ein zweites Kind nachläßt.

Diese Familiensituation wäre für ein Lycopodium-Kind die Chance, sich endlich von der Mutter abzulösen. Diese "Mangel"-Situation wird ihn zwar in eine Krise stürzen, aber aus der heraus er, seinen Weg in ein einsames Dasein entwickelt. Er lernt, daß er mit Sprache und Intelligenz die Mutter und auch seine eigenen Gefühle auf Distanz halten kann. Irgendwann ist dies bei mir auch geschehen, doch durch die durch das Alter bedingte Ambivalenz zwischen dem Wunsch nach Geborgenheit und Eigenständigkeit rutschte ich immer wieder in den "verschlingenden Schoß" der Mutter. Ich war vielleicht 6, aber ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr ich die Umarmungen meiner Mutter abwehrte, mir das Befummeln beim Anprobieren von selbstgestrickten Sachen höchst zuwider war. Mit der Zeit entwickelte ich eine Art Haßliebe zu ihr. Je älter ich wurde, desto mehr verachtete ich das Weibliche. Ich tat es, um mich abzugrenzen. Mir fehlte das männliche Vorbild, und so "trat" ich sie weg, um Andersartigkeit zu demonstrieren, verlor den seelischen Bezug zur Mutter, ohne in der Welt des Vaters aufgenommen worden zu sein. Es ist die Welt eines "Vollwaisen", der psychisch umherirrt - ständig auf der Suche nach seiner Heimat.

Vielleicht wird langsam deutlich, was sich hinter der beobachteten Feigheit oder Minderwertigkeit von Lycopodium versteckt. Es ist das Vater-Defizit, das einen Lycopodium-Menschen an seiner Identität zweifeln läßt. Sein männlicher Kern, seine männlichen Emotionen sind durch den Vater nie geformt worden. Er kennt die Seele der Mutter, ihre Emotionen. Aber seine männliche Seele konnte er nicht danach ausrichten. Sie bleibt deshalb unbewußt und diffus. Aber gerade das Fühlen ist jene Bewußtseinsfunktion, die dem Menschen ein Gefühl von Identität gibt, Sicherheit in Entscheidungen vermittelt.

Hinzu kommt noch, daß in der Lycopodiumfamilie das Väterliche dem Sohn oft feindlich gegenübertritt, bedingt durch die kindlich ritterliche Vorstellung, daß er, der Sohn, der viel "bessere" Partner" der Mutter sei. Damit wird das Kind zum Konkurrenten seines Vaters. Der Ödipusmythos "is still alive". Ich erstaune bei Anamnesen immer wieder, welche Mutter-Sohn-Bindungen gerade bei Lachesis-Müttern existieren. Der Vater ist psychisch draußen. Dennoch wird ein Knabe diesen ungleichen Kampf gegen den Vater nie befriedend gewinnen können. Im Mythos erschlägt Ödipus zwar seinen Vater und zeugt mit seiner Mutter sogar Kinder, verliert aber nach Bekanntwerden seiner Tat das Königreich. So geht es auch dem Sohn, selbst wenn es den Schein hat, daß er die Mutter gewonnnen hat, so verliert er mit diesem Phyrrossieg endgültig jenen Zugang zur und damit Rückhalt in der väterlichen Welt. Was der kleine Mann in diesen Familien auf jedenfall lernt, ist das Taktieren. Wie kann er bei der Übermacht der Riesen überleben? In solchen Familienkonstellationen werden Helden wie das tapfere Schneiderlein geboren, die ihren Minderwertigkeitskomplex nicht mehr loswerden, selbst wenn sie ganz oben sind.

Eigene Träume

Während der Arzneimitteleinnahme konnte ich in den Träumen einen gestaltenden Prozess beobachten. Am Anfang spielten aggressive Träume mit verschiedenen unangenehmen Vaterfiguren eine Rolle. Ich erlebte die kollektive Verachtung, selbst wenn ich "berechtigte" Aggressionen auslebte. Dann driftete das Traumgeschehen in einen Bereich ab, vor dem ich immer einen Bogen gemacht hatte: sexueller Mißbrauch an Kindern. In den Träumen war es immer so, daß von den Kindern die Aktivität ausging, und mein erwachsenes Traum-Ich erregt erstarrte und hoffte, daß die Attacke bald vorbeigehen würde. In der nächsten Traum-Nacht habe ich dann den vergewaltigenden, übergreifenden mütterlichen Aspekt wiedererlebt, der mich zutiefst beschämt hat. An dieser Stelle habe ich meinen Vater vermißt, der psychisch stark, bewußt und verständnisvoll gewesen wäre, den mütterlichen Zugriff zu begrenzen. Erst danach, und das steckt offensichtlich auch in der Heilungspotenz von Lycopodium, verbündete ich mich mit den autonomen, wilden Männern im Wald und konnte so dem Weiblichen begegnen, ohne verschlungen zu werden. In diesem Traumzyklus wurde mir klar, daß ein rückgebundenes, erdhaftes Männliches keine Angst haben muß vor der verschlingenden großen Mutter, sondern daß sich die beiden Kräfte gleichberechtigt und lustvoll in einem Tanz begegnen können.

Nach der 10000er meldete sich Adolf Hitler gegen Ende des Krieges bei mir im Traum und meinte, daß es Zeit für seine Hinrichtung sei. Er gab mir sein Bajonettgewehr. Als er an der Wand stand und ich anlegte, brach er zusammen. Ich dachte zornig, so leicht kommst du mir nicht davon und stach ihn mit der breiten Klinge viermal ins Herz. Im Traum war ich sehr verwirrt, Hitler sich durch meine Tat in einen Menschen verwandeln zu sehen. Bevor ich diesen Zustand realisierte, verstarb er.

Die Leber

Bei einem Lycopodium-Menschen ist meist die Leber als zentrales Stoffwechselorgan nur eingeschränkt funktionsfähig. Sie ist unser größtes Organ und fungiert als Industriekomplex. In den Leberzellen werden die zerlegten Nahrungsbestandteile so zusammengefügt, wie es der Organismus braucht und stellt uns Energie zur Verfügung. Sie entgiftet und speichert, unterstützt mit der Ausscheidung von Galle den Verdauungsprozess.

Bei den Chinesen ist die Leber dem Element Feuer zugeordnet. Störungen der Leber haben zur Folge, daß dem Menschen nicht genügend Kraftreserven zur Verfügung stehen. Gutman vermutet, daß die heilende Wirkung des potenzierten Lycopodiumsamens, in dem sich viele Fettsäuren befinden, auf der Regulierung des gesamten Fettstoffwechsels beruht. Fett ist der Energieträger mit dem höchsten Brennwert. Wenn es mobilisiert wird, dann steht dem Organismus sehr viel Kraft und Ausdauer zur Verfügung. In der Angstrubrik finden wir Lycopodium: Hat Angst, sein Ziel nicht zu erreichen (12). Vielleicht fehlt ihm wegen dieser Leberschwäche die (Fett)-Kraft, aus sich heraus seine hochgesteckten Ziele zu erreichen.

In der Astrologie ist die Leber symbolisch (Leber = Leben, liver = to live) dem Jupiter/Zeus zugeordnet. Das Schütze/Jupiterprinzip stellt ebenso wie die Leber Einzelinformationen in einen größeren Zusammenhang, um sie so zu einem größeren Sinnzusammenhang zu formen. Auch die Leber fügt die "analysierte" Nahrung für den Gesamtorganismus synthetisch zusammen. Jupiter/Zeus ist der olympische Vater, und auf jenes Prinzip mußte Lycopodium verzichten.

Im übertragenen Sinn hat der Vater dem Jungen nicht gezeigt, was er mit der (geistigen) Nahrung machen soll. Er ist auf sich allein gestellt, probiert dieses und jenes aus. Das bringt uns zum nächsten Thema.

 

Prometheus

In der griechischen Mythologie gibt es eine Gestalt, nämlich den Prometheus (der Vorbedachte), der die psychologische Lycopodiumgeschichte spiegelt (13).

Prometheus ist ein Titan aus dem alten Geschlecht, und da er vorausdenkt, sieht er den Aufstand der Olympier um Zeus voraus und schlägt sich auf deren Seite. Das verbindet ihn mit dem Gewächs Lycopodium, das einstmals vor Millionen Jahren ein 40 m hoher Baum war. Nach dem geologischen Umsturz, wie auch der Umwälzung bei den Göttern, spielte der einstige Titan nicht mehr eine so bedeutende Rolle. Er zeigte sich dem Zeus zwar hilfreich, aber er ging auch seine eigenen Wege. Der Ursprung des Menschengeschlechtes (die kleinen Menschen) soll auf ihn zurückgehen und da er ständig bemüht war, seine Schöpfung zu unterstützen mit der Vermittlung des Schmiedens, der Landwirtschaft usw. wurden die Menschen in Zeus' Augen zu mächtig. Der erste große Konflikt zwischen Prometheus, der jetzt eher eine Jugendlichenposition (vielleicht der älteste Bruder) innehat, und dem himmlischen Vater-Gott entsteht, als es darum geht, was bei einem von den Menschen zu errichtenden Tieropfer den Göttern zukommt. Prometheus überlistet Zeus, so daß den Göttern für alle Zukunft die Knochen und das Fett zukommt, während die Menschen die Innereien und das Muskelfleisch erhalten. Zeus, darüber sehr erzürnt, verweigert den Menschen das Feuer. Prometheus aber, der zu Athene ein gutes Verhältnis hat, entführt mit ihrer Hilfe das Feuer und bringt es den Menschen.

Zeus' Rache an der Sohnfigur ist grausam. Er kettet den Prometheus an den kaukasischen Felsen. Tagsüber wird der Gefesselte von dem Zeus-Adler heimgesucht, der seine Leber frißt, die nachts wieder regeneriert. Also auch hier, im griechischen Mythos, in dem sich ein unbewältigter Vater-Sohn-Konfliktes spiegelt, liegt eine Leberschwäche vor. Obwohl Prometheus mythologisch als der Ältere gilt, gibt es zwischen ihm und Zeus ein deutliches Machtgefälle.

Er wird der Vaterfigur Zeus zu mächtig und wird grausam in seine Schranken gewiesen. Die Titanen, bis auf Prometheus und Epimetheus in den Tartarus verbannt, hatten noch etwas von der Weisheit der Alten Zeit, die in die olympische "Gegenwart" reichte. Zeus stand symbolisch für das neue Zeitalter, während Prometheus als Titan aus der magischen Welt stammte und sicher noch mehr Verbindung mit der ganzen Welt hatte. So wie auch der wachsende Sohn, der noch viel Ganzheit in sich trägt, bemerkt, auf welch dünnen Pfaden sich der väterliche Intellekt bewegt und dem Vater aus einer scheinbaren Überlegenheit begegnet.

Prometheus hält sich nicht an Zeus' Gesetze und muß 30.000 Jahre an den Ketten hängen. Lycopoidum hat viel mit Recht, Gesetz und Ordnung zu tun. Ob Lycopodium-Menschen je Gesetze brechen werden, mag offen bleiben. Ich jedenfalls hatte meine Zeit, in der ich mit einen causticum-mercurialen Zug nicht immer mit legalen Mitteln die Welt verändern wollte. Zwischen Zeus und Prometheus gibt es eine klare Hierarchie, und es gibt auch das indirekte Durchsetzen eigener Vorstellungen; insbesondere dann, wenn die anderen als zu mächtig eingestuft werden. Diesen Zug kann ich auch in mir wiederfinden. Kann ich jemanden auf einem Schlachtfeld nicht besiegen, weil ich meinen Waffengang nicht geübt habe, dann versuche ich eine andere Möglichkeit, mich durchzusetzen.

Noch etwas anderes will Zeus dem Gefesselten entlocken. Prometheus weiß, wer den olympischen Vater stürzen wird und behält sein Geheimnis. Es wird jener Halbgott Jesus sein, der mit einer Leberwunde am Kreuz stirbt, der die Bedeutung und damit den Sturz der Olympier besiegelt.

Jesus erleidet einen Speerstoß im rechten Rippenbogen. Er ist gefesselt, zwar an das Kreuz, aber doch auch vom Vater verlassen. Er muß sterben, um in das Reich des Vaters zu gelangen.

Aber die Geschichte um Prometheus ist noch nicht zu Ende. Am Schluß dieses Mythos tauchen noch zwei weitere Gestalten auf:
Es ist der Zentaur Chiron, der sich schließlich für den Angeketteten opfert. Auch Chiron gehört wie Prometheus zum alten Geschlecht. Er war als ein den Menschen und Göttern wohlgesonnener Pferdemensch und Lehrer so vieler Helden wie Theseus, Perseus, Herakles usw.. Letzterer verwundete den Chiron versehentlich bei einem Kampfe mit anderen Zentauren. Das von der besiegten lernaiischen Hydra stammende Pfeilgift verletzte Chirons Knie und da er unsterblich war, mußte er qualvolle Schmerzen an dieser nicht heilenden Wunde erleiden. Herakles kann Zeus zu der Freilassung Prometheus unter bestimmten Bedingungen überreden, und der Vater-Sohn (14) Herakles erschießt den leberfressenden Adler mit einem Pfeil (astronomisches Schützesymbol). Der Heiler Chiron tauscht mit Prometheus den Platz.

Vielleicht ist das Ende dieses Mythos ein Heilungsweg für Lycopodium. Wie Chiron verfügt er über das Wissen und die Weisheit der alten Zeit und könnte zum Lehrer für die neuen Helden werden, die mehr Energie und Kraft haben. Er wirkt im Hintergrund und erst sein Leiden (an der Leber (15) oder die unheilbare Wunde am Knie machen ihn zum Heiler und Lehrer für die neue Generation. Chiron hat anders als Prometheus seine Rolle als "Rentner" im neuen Machtgefüge des Olymps schneller gefunden und als Lehrer und Heiler dem Helden einen Dienst erweisen können.

 

Ein Vater für Prometheus

Wenn wir die im herkömmlichen AMB beschriebene arrogante "Zeus"-Haltung eines Lycopodium-Patienten einnehmen, dann werden wir als homöopathische Therapeuten der eigentlichen Dramatik des hilfesuchenden Lycopodiums nicht gerecht; im Gegenteil, wir fallen einer Gegenübertragung zum Opfer und zeigen es diesem "Hanswurst", wer hier im Recht ist. Erst die Wunde des Chiron (die eigene Verletzung des Therapeuten) hat ihn zum Heilkundigen gemacht, und erst durch seine Aufopferung konnte die mythologische Gestalt des durch die lange Gefangenschaft verwandelten Sohn-Prometheus befreit werden und in die Welt zurückkehren. Der verlorene Sohn Prometheus hat, und das ist meine Weise, es zu sehen, in Chiron endlich Kontakt zu einem Vater bekommen, der ihn angenommen hat. (16)

Meine Reise mit Lycopodium hat sicher noch kein Ende gefunden. Was sich aber kaum merklich verändert hat ist, daß mir die institutionellen Machtstrukturen deutlicher bewußt geworden sind. Immer wenn sich Menschen längere Zeit zusammenfinden, geben sie sich eine Form. Die Wahrnehmung und Sensibilisierung für den Menschen in Macht-Strukturen hat mein Verhaltensspektrum gegenüber dem Lycopodium-Miasma erweitert.

Klaus Löbisch, Heilpraktiker,
Haus Wiesengrund, 7861 Neuenburg

 

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