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Platin

Arzneimittelvortrag am 4.10.9O bei der Homöopathiewoche Bad Boll

Dem Seltenen und Echten begegnen, dem Schimmer des Zeitlosen...

Die edle Herausforderung: Platin ist so anspruchsvoll, daß nur Meister ihres Fachs es beherrschen. Sein Schmelzpunkt beträgt nicht weniger als 1773 Grad. Die große Mühe lohnt es mit zeitloser Fazination - zu jedem Anlaß, an jedem Tag, in den kostbaren Momenten des Lebens...

Platin hält Edelsteine unverrückbar in der Fassung - ein Leben lang. Sein stiller Glanz läßt das Feuer der Steine um so strahlender hervortreten. Platin und edle Steine - ideales Zusammenspiel von zweien, die füreinander geschaffen sind...

Platin. Unvergleichlich in seiner Reinheit. Sein Feingehalt ist mit 950/ooo höher als bei jedem anderen Schmuckmetall. Wer sich zur reinen Schönheit der Kunst bekennt, wird auch bei Schmuck nicht weniger verlangen.

Platin. Rar und kostbar. Das Seltenste unter den Schmuckmetallen. Schwierig zu gewinnen, verborgen an wenigen Stellen der Erde. Geheimnisvoll in seiner Geschichte und glanzvolle Gegenwart überall dort, wo sich Menschen mit Stil begegnen...

Man spürt seinen Wert. Mit seinem spezifischen Gewicht von 20,30 g/ccm ist es deutlich schwerer als andere Schmuckmetalle. Symbol des Einmaligen, das bleiben wird...

Das Vergnügen, Neues zu wagen, der Mut der Avantgarde zum Anderen, Ungewöhnlichen, zum Stil von morgen...

Platin. Überlegenheit...Geschmack. Feinste Creationen, raffiniert und grazil - wie könnte jemand, der eigene Wege wählt, darauf verzichten?...

Platin fasziniert jeden, der es versteht, das Wesentliche zu sehen...

Mit seinem geheimnis vollen Schimmer, seiner Beständigkeit ist Platin Zeichen von Bezauberung und Verpflichtung zugleich. Und so all jenen angemessen, die ihrem Leben verbindliche Formen zu geben wissen...

Platin. Die Zeit kann ihm nichts anhaben. Verbindungen, einmal in Platin gearbeitet, halten für immer. In seiner extremen Beständigkeit ist es wie geschaffen für Uhren von bleibender Schönheit - Maß der Zeit und Symbol des Zeitlosen zugleich...

Platin. Der dezente Auftritt. Sein magischer Schimmer beweist Zurückhaltung und Überlegenheit zugleich. Es bewahrt sein Geheimnis. Aber diejenigen, denen das Beste selbstverständlich ist, werden es sofort erkennen...

Diese Texte stammen keineswegs aus einer neueren, am psychischen Bild orientierten homöopathischen Arzneimittellehre, sondern aus einem Schmuckjournal (1), in dem für Platinschmuck geworben wird.

Für die Kenner des homöopathischen Arzneimittelbildes ist es eindrucksvoll, wieviel von den Wesenseigenschaften eines im homöopathischen Sinne Platin-Kranken schon aus diesem kommerziellen Werbetext deutlich wird. Der Text spiegelt Erfahrungen aus der Welt der Mode und der Kunst wider, die mit dem Edelmetall Platin gemacht werden.

 

Die Substanz

Der Name Platin stammt aus dem Spanischen und nimmt Bezug auf seine silberähnliche Farbe: Er bedeutet so etwas wie "silberähnlich "oder "kleines Silberchen".

Schon im 8. Jahrhundert vor Christus wurde Platin von den Ägyptern zur Herstellung von Schmuck verwendet. In neuerer Zeit wurde es von der westlichen Welt erst 1735 in Kolumbien entdeckt, wo es die indianischen Kulturen aber auch zuvor schon verwendet hatten.
Platin und seine Verwandten, die Platinmetalle, haben sich wie einige andere schwer schmelzbare Mineralien in der Frühkristallisation gebildet. Mit Frühkristallisation wird erdgeschichtlich die beginnende Erstarrung des Magmas bezeichnet, der schmelzflüssigen Masse der tieferen Erdrinde. (Darauf spielt wohl die Rede von der geheimnisvollen Geschichte an, die zuvor im Werbeprospekt erwähnt ist)
Platin wird teils gediegen in Mineralien anderer Metalle, oder aber als eigenes Mineral, Sperrylit (Pt As2), gefunden, und zwar vor allem in Südafrika, im Ural, in Kanada und in Kolumbien.

Verwendet wird es beispielsweise in elektrischen Geräten, als Zahnersatz und als Schmuck.
Leeser (2) beschreibt bei den physikalisch-chemischen Eigenschaften des Platins insbesondere seine Wirkung als Katalysator. Das kolloidale Platin wirke reaktionsbeschleunigend bzw.wie ein Ferment.

Streifzug durch das Arzneimittelbild von Platin, wie es in der Literatur beschrieben ist.

Persönlichkeitsporträt

Typus: Zum klassischen Typenbild erzählt Charette (3) folgende nette Episode:
"Zu einer gewissen Zeit besuchte mich häufig ein Makler einer Pariser Bank, um mir absolut sichere Spekulationen vorzuschlagen. Eines Tages kam er zur gewohnten Zeit, und ich erschrak über die Veränderung in seinen Zügen. Auf mein Fragen hin setzte er sich hin, von Schluchzen geschüttelt, und erzählte mir sein Unglück.: 'Meine Frau ist mir auf und davongegangen. Ich hatte sie sehr lieb und gab allen ihren Launen nach, wenn sie nicht gerade zu extravagant wurden. Sie wollte sich von oben bis unten in 'Tango' kleiden, denken sie sich das bloß! Und weil ich Widerstand leistete, ist sie einfach abgereist. Schon vor zwei Jahren hatten wir einmal eine Szene wegen eines Hosenrockes, den sie durchaus tragen wollte. Niemals war ihr ihre Garderobe grell und exzentrisch genug.'
'Ihre Frau ist brünett, nicht wahr?'
'Ja, sehr brünett.'
'Von wechselnder Laune?'
'Oh ja! Manchmal war sie die Zärtlichkeit selbst, dann wieder ganz ohne jeden Grund von abstoßender Kälte!'
'Sie log gern', fuhr ich allein fort, 'sie war von sich sehr eingenommen, sah auf ihre Freundinnen sehr verächtlich herab. Sie schlief schlecht, hatte dabei plötzliches Zusammenzucken und Alpdrücken. Ihre Regel war sehr stark . Ihr fehlte es nicht an Temperament, aber eine große Empfindsamkeit der Geschlechtsteile...!'
Der Makler sprang von seinem Sitz hoch.
'Woher wissen sie das?' schrie er mich an.
'Seien Sie versichert, lieber Herr, daß ich Ihre Frau nicht kenne und niemals gesehen habe. Aber das Krankheitsbild, das ich eben zeichnete, ist nur das Typenbild von Platina, das ich gerade gelesen habe...' "

J .Favre (zitiert nach (3)) beschreibt den Typus so: "Ohne jeden Grund fallen sie aus der tollsten Heiterkeit in die tiefste Traurigkeit. Im Umgang sind sie stolz, lügnerisch und hochmütig in jeder ihrer Gesten. Sie lieben auffallende Farben und neigen zu großer Liederlichkeit. Sie gehören zu jenen Frauen, die plötzlich ihrem Mann, den sie vor einigen Augenblicken wissentlich betrogen haben, um den Hals fallen können, und die ihn dann mit heftigem Schluchzen in der Stimme weinend anflehen können: "Küsse mich, ich werde jetzt sterben."
Nach abenteuerlichem gescheiterten Lebenslauf enden sie nicht selten im Irrenhaus,wo sie, mit allen möglichen Bändern, Glasperlen und Flitterkram behängt, durch ungewöhnliche Gesten den Blick des Fremden auf sich zu ziehen versuchen."

Wieder anders beschreibt M.L. Tyler (4) die typische Platin-Mentalität am Beispiel einer Frau, die gerade nach einer kritischen Seuchenperiode aus Indien zurückgekehrt war:"Sie war kaum wiederzuerkennen. Ihr einst so schönes junges Gesicht war überspannt und reizbar geworden. Während ihres ganzen Redens war es schmerzhaft, ihr zuzuhören: Sie wiederholte nur immer die Wunder, die sie vollbracht hatte, indem sie den Schrecken aus ihrem eigenen eingezäunten Gelände herausgehalten hatte. Es war ein schreckliches Zur-Schau-Stellen der eigenen Selbstglorifizierung und der Verachtung von jedem anderen."

Ich versuche, einige wesentliche Elemente des klassischen Arzneimittelbildes herauszuheben:

Spannung

Die Spannung des Metalls ist so stark , daß bei einem Platinring ein Edelstein ohne Fassung gehalten werden kann - was bei keinem anderen Metall möglich ist. Die Persönlichkeit ist ungemein spannungsgeladen (5).

Starkes sexuelles Verlangen

<>Vithoulkas nennt Platin das hypersexuellste Mittel der ganzen Materia Medica. Er spricht von gewaltigem exzessivem sexuellem Verlangen (6) ...

Ob die Frau des Potiphar Platin gebraucht hätte? Wir lesen in der Biblel im Buch Genesis, 39. Kapitel:
"Nach einiger Zeit warf die Frau seines Herrn ihren Blick auf Josef und sagte: 'Schlaf mit mir!' Er weigerte sich und entgegnete der Frau seines Herrn: 'Du siehst doch, alles im Haus hat dein Herr mir anvertraut. Wie könnte ich da ein so großes Unrecht begehen und gegen Gott sündigen?'
Obwohl sie Tag für Tag auf Josef einredete, ihr zu Willen zu sein, hörte er nicht auf sie. An einem solchen Tag kam er ins Haus, um seiner Arbeit nachzugehen. Niemand vom Hausgesinde war anwesend. Da packte sie ihn an seinem Gewand und sagte: 'Schlaf mit mir!' Er ließ sein Gewand in ihrer Hand und lief hinaus. Da rief sie nach ihrem Hausgesinde und sagte zu den Leuten: 'Seht nur, er ist zu mir gekommen und wollte mit mir schlafen!'
Als der Herr nach Hause kam, erzählte sie ihm die gleiche Geschichte: 'Der hebräische Sklave ist zu mir gekommen, um mit mir seinen Mutwillen zu treiben! Als ich laut aufschrie, ließ er sein Gewand bei mir liegen und lief hinaus.' Da packte den Herrn der Zorn, und er ließ Josef ergreifen und in einen Kerker bringen.


Wir sehen: Schon zu biblischen Zeiten gab es die von Paschero (zitiert nach (7) formulierte Platin -Trias Wollust, Grausamkeit und Stolz, und die Lügenhaftigkeit paßt ja auch gut zu Platin.

Platin - Frauen können auch schon sehr früh sexuell aktiv sein. Kein Mann kann allerdings ihre hohen Ansprüche erfüllen. Und doch: Immer wieder sucht die Platin-Frau neue Bekanntschaften mit Männern. Zugleich steigert sich ihre Verachtung für die Männer. Schließlich kann es zur Nymphomanie (schlimmer durch Bettruhe) sowie allen Spielarten sexueller Perversion kommen (5). Verständlicherweise kommt es dann auch zur Neigung zu Onanie.

Das Platin-Schlüsselsymptom "sexuelle Erregung" findet sich jedoch durchaus auch in seinem Gegenteil. Barbancey (8) weist darauf hin, daß Platin machmal auch über Frigidität klagt.
Vögeli (9) betont, daß die sexuelle Sphäre nur bei den Platin-Frauen im Vordergrund stünde- bei den Platin-Männern bedeutend weniger. Die hätten das typische Symptom: frösteln beim Wasserlassen - was man, wenn man will, als Ausdruck des emotionalen Umgangs mit der Genitalsphäre interpretieren kann...

Faszinierende Erscheinung

Dunkelhaarige, schlanke Frauen und Mädchen mit straffer Haut und festen Muskeln, meist sehr hübsch, mit strahlenden Augen und vollen, sinnlichen Lippen. Äußerst sympathisch,wirken aber auch manchmal wie bildschöne eiskalte Plastikfiguren (5).

Hohe Begabung

Im geistigen Bereich besteht ein durch Lernen und Studieren erworbenes großes Wissen, gleichzeitig aber auch ein großes Einfühlungsvermögen für Kunst (5).

Idealismus und Sehnsucht nach einer romantischen Beziehung

Überspitzte idealistische Gefühle mit hochgeistigen Gedankenflügen, die in deutlichem Gegensatz stehen zu dem äußerst sinnlichen Verlangen nach Befriedigung (5).

Hohe Ansprüche

Kaum ein Mann kann ihre Ansprüche erfüllen (6).

Hochmut

Übersteigertes Ichgefühl, Arroganz, Verachtung für andere. Hält sich für den einzigen wirklich hochstehenden Menschen. Verächtliches, bedauerndes Herabblicken auf sonst ehrwürdige Leute mit einer gewissen 'Wegwerfung'. Kent formuliert: Sie bildet sich ein, aus einer hochgeborenen Familie zu stammen, während ihre Freundinnen und Bekannten niedriger Herkunft seien. Die Kranke bildet sich ein, sie gehöre zu einer anderen Rasse. Oder sie hält sich zum Beispiel für eine Imperatorin, die über alle Mitmenschen gebieten kann - sie allein verdient Respekt und Ehrerbietung (5). Spielt gern die Gnädige (10), hält sich für einen Sonderfall. Candegabe (7) deutet das Überlegenheitsgefühl von Platin als Versuch, das Gefühl von Verwaisung und Verlassenheit zu verbergen. Wahnidee, als ob ihr Körper groß sei, und die anderen Menschen im Vergleich zu ihr bedeutend kleiner seien; Größenwahnsinn.

Stolz ist übrigens auch das Schlüsselsymptom des verwandten Mittels Palladium. Aber bei Palladium ist das Entscheidende, daß, wie Farrington (11) sagt, der Stolz leicht verletzt wird. Sie glaubt sich vernachlässigt - legt sie doch so großen Wert auf die hohe Meinung anderer über sie. Bei Platin dagegen sind immer der Hochmut, der Egoismus und das herablassende Wesen anzutreffen. Platin macht auf andere oft den Eindruch der Unnahbarkeit - und verhält sich dabei,wie Dorsci (12) sagt, schweigend, als würde sie nicht in diese Welt passen.

Kälte

Sie wirken manchmal wie bildschöne eiskalte Plastikfiguren (5). Gawlik und Buchmann (13) assozieren dazu das Gedicht "Metaphern der Liebe" von Wilhelm Busch:

@GEDICHT = "Welche Augen! Welche Miene!
Seit ich dich zuerst gesehn,
Engel in der Krinoline,
ist's um meine Ruh geschehn.

@GEDICHT = Ach! In fieberhafter Regung
lauf ich Tag und Nacht spazieren,
und ich fühl es, vor Bewegung,
fang ich an zu transpirieren.

@GEDICHT = Und derweil ich eben schwitze,
hast du kalt mich angeschaut;
von den Stiefeln bis zur Mütze
spür ich eine Gänsehaut."

Gawlik (5) beschreibt die Platin-
Kinderpersönlichkeit:

Die sehr überheblichen Kinder sind äußerst kontaktarm und reden nur mit den Eltern. Sie wissen alles besser und sind mit ihrer Arroganz für die Umwelt schwer zu ertragen. Sie verhalten sich Erwachsenen gegenüber ablehnend, und es scheint, als wollten sie auf diese - die doch körperlich wesentlich größer sind - herabschauen. Die Mädchen sind eitel, sitzen schon in jüngsten Jahren vor dem Spiegel und schminken sich. Diese Kinder haben oft Kopfschmerzen.

An
Gemütssymptomen

ist zum Beispiel das Alice im Wunderland-Syndrom (zitiert nach (2)) beschrieben: Schizoide Verdopplung der Persönlickeit, räumliche wie zeitliche Fehlorientierung, Gegenstände der Umwelt wirken entgegen ihrer wahren Größe größer oder kleiner, Metamorphosen.
Mezger (14) spricht von Hysterie im ursprünglichen Sinne, also eine vom weiblichen Genitale ausgelöste Gemütsverstimmung: Die seelische Verfassung wird hervorgerufen durch eine auf das Gemütsleben projezierte Überreizung. Exaltiertes Verhalten.

Staufer(10) beschreibt diese Überempfindlichkeit als das Symptom "Klein im eigenen Leid".
Wichtig ist wohl vor allem der Wechsel zwischen körperlichen und psychischen Symptomen in dem Sinne, daß beim Stärkerwerden der psychischen Störungen die körperlichen sich abschwächen oder verschwinden und umgekehrt.

Nervensymptome gibt es sehr vielfältige bei Platin.
Kälte- und Taubheitsgefühl an umschriebenen Stellen, besonders am Kopf und Gesicht; Kent (15) betont, kein Symptom werde so konstant gefunden wie das Taubheitsgefühl der Kopfhaut - es sei häufiger als alle anderen Symptome.Gefühl von innerem Zittern.
Paroxysmen, tonisch-klonische Krämpfe.
Schmerzen, die von Kältegefühl begleitet und von Taubheitsgefühl gefolgt sind (10).
Viel krampfhaftes Gähnen (10).

Die
Symptome im Bereich Sexualität

sind wahlanzeigend für Platin: Überaus große Empfindlichkeit der Genitalien. Das führt zum Spasmus während der gynäkologischen Untersuchung, aber auch zu Spasmus und Ohnmacht beim Geschlechtsverkehr. Kent (15) gibt an, die Empfindlichkeit der äußeren Genitalien sei bei der Frau so groß, daß sie während der Regel keine Binde tragen könne.
Die Regel ist begleitet von Krämpfen und schmerzhafter Schwere. Sie ist stark, zu früh und das Blut sehr dunkel. Pruritus vulvae. Hat ständig das Gefühl, als ob die Regel einträte. Die Regel kommt machmal alle 14 Tage (15)
Chronische Ovalgie mit einem ständigen Druck von oben nach unten und dem Gefühl innerer Kälte.
Überempfindlichkeit der Ovarien.
Senkungsgefühl wie bei Polaps oder tatsächlich Verlagerung und Senkung der Gebärmutter bei kleinlauter und depressiver Stimmung (10).
Mezger erwähnt, daß Platin außerordentlich bewährt sei bei puerperaler Depression (14).
Boericke (16) sieht in Platin einen der zuverlässigsten Helfer bei Myom mit starken Blutungen.
Schläft, die Beine weit auseinandergespreizt (16).
Ständiges Gefühl, als ob die Regel einträte.

Andere Symptome:

Typisch ist der Wechsel von somatischen und psychischen Symtomen - so verschwinden Kopfschmerzen in dem Augenblick, in dem Depressionen eintreten, und umgekehrt.
Kopfschmerzen mit einem Gefühl, als wäre der Kopf in einem Schraubstock.
Trigeminusneuralgie.
Magenbeschwerden. Babencey (8) schreibt: "Der Magen ist Opfer eines kapriziösen, zwischen Gefräßigkeit und Anorexie hin und herpendelnden Appetits. Der Patient versucht die ausgefallensten Diätformen, die aber niemals lange durchgehalten werden."
Der Darm ist ebenfalls Sitz von zusammenpressenden Schmerzen, Krämpfen und Blähungen. Die Stühle kleben am After, als wären sie von weichem Ton. Die gewohnheitsmäßige Verstopfung verschlimmert sich bei Reisen und bei jeder Veränderung der Gewohnheiten - ein Hinweis auf die Starrheit der Persönlichkeit (8). Allen (17) beschreibt das Symptom Obstipation speziell bei Emigranten.
An rheumatischen Symptomen erwähnt Voegeli (9) eine besondere Affinität zu den Hüftgelenken, insbesondere zum linken.

Im Folgenden sollen nun einige zusätzliche Platin-Themen genannt werden, die verschiedenen Homöopathen, die mit der Boller Homöopathie verbunden sind, aus ihren Erfahrungen mit Platin erarbeitet haben.

Turandot
Wer sich mit dem homöopathischen Arzneimittelbild von Platin beschäftigt hat, wird leicht die Platin-Geschichte in Pucchinis dramatischer Oper Turandot erkennen, insbesondere in der Inszenierung mit Maria Callas. Hervorragend prägnant stellt sie auf künstlerische Weise die Platin-Pathologie in der chinesischen Prinzessin Turandot dar, die brautwerbende Prinzen auf magische Weise in ihren Bann zieht, einen nach dem anderen aber den Tod bringt durch ein grausames Spiel, das sie mit ihnen treibt. Gleich zu Anfang der Oper wird es beschrieben:

@GEDICHT = "Höre, oh Volk von Peking
Die Satzung lautet:
Turandot, die Reine,
ehelicht den Mann von königlichem Blut,
der die drei Rätsel löst, die sie ihm aufgibt.
Doch wer die Probe sucht und nicht besteht
soll fallen von des Henkers Hand..."

Wir begegnen in dieser dramatischen Oper Platin in seiner verhängnisvoll schrecklichen Ambivalenz: Einerseits provoziert sie durch ihre Schönheit und ihr ganzes Auftreten die Liebe der königlichen Prinzen - Symbole für das Höchste, Edelste - und andererseits tötet sie mit grausamem Haß jede aufkeimende Liebe. Es braucht blutige Opfer und ein schier übermenschliches Maß an Mut, Intelligenz und Hingabe, um das Eis ihres Widerstandes gegen die Liebe zum Schmelzen zu bringen.

Treppe
Als Sonja Hiemer Platin prüfte (18), hatte sie eines Nachts folgenden Traum: "Ich gehe mit einem Mann spazieren über eine Wiese. Es ist ganz schön zwischen uns, und wir wollen uns küssen. Da kommt eine Treppe. Ich stelle mich auf dieser Treppe eine Stufe über ihn. Das ist normalerweise ganz schön, weil ich klein bin und Männer meist ein bißchen größer - aber im Traum war es gar nicht in Ordnung. Dann bin ich zwei Stufen tiefer gegangen, so daß ich eine Stufe unter ihm stand - aber auch das war überhaupt nicht in Ordnung.

Dann habe ich mich mit ihm auf dieselbe Stufe gestellt - und da konnten wir uns begegnen, und das war wunderbar..."

Katalysator
Ein Patient berichtete mir folgenden Traum nach der Einnahme von Platin: "Tibet. Über mir Stadt in den Bergen. Abendlicht, Abendsonne, man sieht Schatten und Häuserfassaden. Ein alter Mann sitzt auf einem Thron, ca 9o Jahre ist er alt - er weckt bei mir die Assoziation Sonnenkönig. Er trägt auf dem Kopf die Mütze der Gelbmützer (tib.buddhistische Sekte). In den Händen hält er eine Weltkugel, mit einem Kreuz darauf stehend - westliche und östliche Herrschaftszeichen. Seine Haut ist ganz lebendig und atmend. Er ist etwas einsam - aber aus dieser Einsamkeit wirkt er ohne sein Zutun einfach durch seine Anwesenheit und Ausstrahlung."

Ähnlich lesen wir bei König Drosselbart(19): "Und die Leute kauften der Frau ihre Ware ab, weil sie schön war - ja, viele gaben ihr das Geld und ließen ihr die Töpfe noch dazu..."

Hier kommt eine besondere Platin-Qualität zum Ausdruck: Zu wirken einfach durch sein Dasein, durch seine Aura von Schönheit...; zu wirken, ohne vom Bewirkten verwickelt zu werden - wie ein Katalysator: ein Geschehen in Gang zu bringen, ohne etwas dabei zu verlieren, ohne selbst davon gebunden zu werden; zu verändern, ohne selbst der Veränderung unterworfen zu sein...

Hohe Ansprüche an sich selbst
Marco Riefer (18) hat beim Platin-Vortrag '88 in Boll unter anderem berichtet, daß in seiner Prüfung über zwei Monate stark das Gefühl da war, nicht genug zu bringen und zu schaffen und das sei eine unheimliche Anspannung gewesen. Er beendete den Vortrag mit folgenden Worten, die wohl vor allem Antwort auf diese hohen idealistischen Ansprüche sind, die Platin spürt:
"Die Lösung ist ganz einfach. Die Lösung ist: ganz einfach. Hört nur mal den Satz an: Die Lösung ist: ganz einfach. Nicht fragen: Ja, wie ist sie denn nun, erzähl mal, das ist es. Die Lösung ist ganz einfach".

Eine ganze Reihe von anderen Themen sind im Umkreis unserer Praxis im Zusammenhang mit Platin noch aufgetaucht, Themen, die ich nicht erläutern möchte, teils, weil mir die Quellen nicht klar sind, teils, weil sich in diesem Rahmen nicht jede Spur verfolgen und vertiefen läßt - aber ich möchte doch einiges einfach stichwortartig erwähnen:
Maß, an dem alles gemessen wird (Urmeter aus Platin).
Sich fühlen, als sei man nichts wert.
Sich als Sonderfall fühlen.
Nicht für diese Welt geschaffen sein.
Erkannt werden wollen.
Auf die Erde kommen, landen, Bodenkontakt bekommen - aber zunächst große Schwierigkeiten bei der Landung.
Platonische Liebe.
Sich nicht auf Beziehungen einlassen.
Das Brunhilde-Thema der Nibelungensage.
Die Sage von Brünhilds Gefangenschaft in der Burg Waberlohe.
Hohe Ansprüche an sich als Kompensation unterdrückter Sexualität.
Affenträume (Das Tierische im Menschen, das bei Platin überkompensiert ist).
Erotische Ausstrahlung -sexuelle Macht.
Sexualität und Spiritualität - Schlange, die zur Kerze wird.
Über den Dingen stehen wollen, Überblick haben.
Überlegenheit/Unterlegenheit
Überordnung- Unterordnung
Adel
Souveränität
Pluto
Macht und Machtmißbrauch
Hochspannung-Verspannung-die Spannung zwischen zwei Polen- Seismograph für Spannungen sein.
Untergrund, Unterwelt, Unterschicht, das Innere der Erde.

Was ich im dritten Teil erzählen möchte, ist Platin, wie ich es sehe - nach persönlichen Begegnungen mit Patienten oder Prüfern, die Platin eingenommen haben, und - nach meinen eigenen Erfahrungen in der Arzneimittelprüfung von Platin.

In der Zeit meiner Platinprüfung begegnete mir eine Musik, die mir bis dorthin nie aufgefallen war, die ich aber nach der Einnahme von Platin C 1000 wochenlang hören wollte: Die elektronische Musik von Vangelis, z. B. das Stück Deliverance im CD Antarctica.

Für mich berührt die Musik auf eine gewisse Art mein zentrales Platin-Thema: Die Musik ist für mich ein Versuch, so etwas wie einen "Kontakt mit dem Absoluten" herzustellen - mit der ganzen Faszination und Problematik, die das mit sich bringt. Denn kritische Einwände gegen jeden Versuch der Rede über "das Absolute" sind sicherlich sehr ernst zu nehmen. Was soll das denn sein, "das Absolute"?
Als ich die Musik von Vangelis, genauer das Stück "Deliverance" bei einem Arzneimittelvortrag über Platin vorspielte, wurde von einer Zuhörerin das Bild von Atrejus Ankunft bei der kindlichen Kaiserin dazu assoziiert - was mich sehr freute, denn ich wollte eben einen Text von Michael Ende aus der Unendlichen Geschichte vorlesen, um eine dichterische Antwort auf die Frage nach dem Absoluten vorzustellen:
"Die kindliche Kaiserin galt zwar, wie der Titel ja schon besagt, als die Herrscherin über all die unzähligen Länder des grenzenlosen phantasischen Reiches, aber sie war in Wirklichkeit viel mehr als eine Herrscherin, oder besser gesagt, sie war etwas ganz anderes.

Sie herrschte nicht, sie hatte niemals Gewalt angewendet oder von ihrer Macht Gebrauch gemacht, sie befahl nichts und richtete niemanden, sie griff niemals ein und mußte sich niemals gegen einen Angreifer zur Wehr setzen, denn niemandem wäre es eingefallen, sich gegen sie zu erheben oder ihr etwas anzutun. Vor ihr galten alle gleich. Sie war nur da, aber sie war auf eine besondere Art da: Sie war der Mittelpunkt allen Lebens in Phantasien. Und jedes Geschöpf, ob gut oder böse, ob schön oder häßlich,lustig oder ernst, töricht oder weise, alle, alle waren nur da durch ihr Dasein. Ohne sie konnte nichts bestehen, so wenig ein menschlicher Körper bestehen könnte, der kein Herz mehr hat. Niemand konnte ihr Geheimnis ganz begreifen, aber alle wußten, daß es so war... (20)."

Die These von der Beziehung des Begriffes "absolut" zum homöopathischen Arzneimittel Platin hat sich mir aus Patientenberichten mehrfach nahegelegt. Ein Patient berichtete mir beispielsweise: "Am Tag nach der Einnahme von Platin fand ich mich ganz fest auf der Erde stehend, kräftig, mit dem Körper verbunden - und absolut unerschütterlich. Mir kam das Bild: Wenn jetzt eine Atombombe explodiert, passiert mir nichts."
Bei einem Arzneimittelvortrag vor zwei Jahren über Platin hatte mich am meisten das Wort "absolute Beziehung" beeindruckt - im Vortrag war es gemeint im Sinne der überspannten Idealvorstellungen, die Platin von Partnerschaft hat. Nach der Einnahme von Platin hat mich dieses Thema ständig beschäftigt. Absolute Beziehung - Beziehung zum Absoluten. Ich bin schon von dem Begriff fasziniert - ist er doch, philosophisch gesehen, ein Widerspruch, denn wie kann das Absolute in Beziehung sein?
Absolutum heißt losgelöst sein. Der Gegensatz von absolut ist relativ - Relation aber ist nichts anderes als Beziehung. Losgelöst und in Beziehung sein sind somit Widersprüche - und doch verwenden wir zunächst ganz selbstverständlich den Begriff "absolute Beziehung"...

Jürgen Becker sagte dazu in einem Zwischenkommentar bei einem Arzneimittelvortrag über Platin bzw. bei der Märcheninterpretation zu König Drosselbart: "Die Qualität von Platin ist, daß es in Berührung ist mit dem absolut Höchsten, dessen es fähig ist. Die Spannung, die man merkt, besteht zwischen dem "Realen und dem Absoluten". Der Wert der Menschen, die viel mit Platin zu tun haben, ist, daß sie mit dem Absoluten in Berührung stehen, was wir so erst mal nicht können. Das Absolute heißt auch das Losgelöste...
Es geht darum, den Hochmut in hohen Mut zu verwandeln, in den Mut zum Absoluten. Wichtig ist, daß sich das nicht materiell äußert...
Eine Vorstellung: Wir wären ein Niederfrequenzfeld, das in ein Hochfrequenzschwingungsfeld geraten würde. Das würde ganz schön Spannungen bringen, mit denen wir gar nichts anfangen können.
Aber die Platin-Menschen, die sind fähig , die hochfrequente Energie, die in uns reinragt, wahrzunehmen und damit etwas zu machen. Das läßt sich in Schönheit und materiellem Wert nicht messen.
Davon hat der König Drosselbart eine Ahnung, daß die Prinzessin eigentlich so ist, aber es noch nicht verwirklicht. Er hilft ihr, einen Weg in die Welt zu finden - und dadurch wird sein Reich erst wirklich reich. Der Reichtum ist nicht Gold, sondern eine Dimension größer - eine viel intensivere Liebe, wie wir es am Äußersten nur ahnen können. Deswegen stehen die Platin-Menschen immer außen, am äußersten Ende." (18)

In diesem Sinne ein Platin-Mensch war wohl der Philosoph und Mystiker Plotin - unverkennbar die Namensverwandtschaft mit Platin. Er hat sich im dritten Jahrhundert mit diesem Thema beschäftigt. Ich möchte ein paar Sätze von ihm zitieren:
"Wenn wir in einem menschlichen Antlitz den Widerschein erlesener Schönheit sehen, so lenkt das unsere Gedanken auf die Schönheit des Absoluten. Und wenn wir die Fülle der Schönheit, die unser Herz erfreut, ringsum in der Welt wahrnehmen und die wunderbare Ordnung im Reich der Sterne auf uns wirken lassen - wie können wir da kalt und unbewegt bleiben ...".
Plotin ermutigt seine Schüler:"Strebt weniger danach, vom Schlechten loszukommen, sondern das Höchste und Edelste, was die Seele zu ergreifen vermag, zu erlangen. Wenn das erreicht wird, ist alles gewonnen." (21)

Vor zwei Jahren prüfte ich zum ersten Mal Platin, damals in der Potenz C 200. Über die dritte Stunde nach Einnahme war ich mehr als verblüfft. Etwa zwei Stunden nach Einnahme, es war zur Abendzeit, bat ich meine Frau, mir, wie sie es öfters tut, ein Märchen vorzulesen. Und sie schlug ein anatolisches Märchenbuch von E.S. Kamphoevener auf und begann, mir eine Geschichte vorzulesen, die uns beiden unbekannt war: "Halimeh". (22)
Und worum geht es in dieser Geschichte? Tatsächlich geht es um eben das besagte Thema: um eine menschliche absolute Beziehung! Das Mädchen Halimeh entwickelt eine bedingungslose Liebe zu ihrem Lehrer. Dann aber wird diese Liebe auf fast unerträglich harte Weise auf die Probe gestellt. Sie gerät in Konflikte, die das Maß des menschlich Erträglichen fast übersteigen. Höchstes Glück und tiefster Schmerz wechseln einander ab, bis die Läuterung vollendet und tatsächlich der Bund einer absoluten Beziehung besiegelt wird.
Das Märchen sagt: Es gibt sie, die absolute Beziehung. Aber es prüfe sich wohl, wer sie wünscht! Sie kann nur leben, wer bereit ist, sich aufzugeben und bis zum Äußersten zu gehen... .

Ich denke, von der Vollendung zu sprechen, ist über unseren Rahmen hinausgegriffen. Aber für mich stellt Platin die Frage nach dem Anfang einer absoluten Beziehung, und der dürfen wir vielleicht auch hier noch etwas nachgehen. Ich möchte diese Frage bzw. mein eigenes Platin-Bild anhand eines Märchens besprechen, das mir ebenfalls in meiner Prüfungszeit mit Platin begegnet ist.
Vortrefflich ist die Heilungsgeschichte von Platin im Märchen vom König Drosselbart (19) beschrieben. Ebenso empfehlenswert und anregend zum tieferen Verständnis eines Platinheilungsprozesses ist das Märchen "Die Königstochter und der Gärtner" von Gidon Horowitz (23).
Ich möchte Platin aber hier anhand eines recht unbekannten Märchens der Gebrüder Grimm besprechen. Dort ist das Märchen von König Drosselbart im wesentlichen enthalten. Zusätzlich erzählt es aber noch eine lange Vorgeschichte über das, was geschehen muß, ehe der König und die stolze Prinzessin überhaupt miteinander Kontakt bekommen können.

Es ist das
Märchen von den sechs Dienern.


Als ich Platin in diesem Märchen erkannt hatte, wunderte ich mich zunächst, warum es nicht "die stolze Prinzessin" oder ähnlich überschrieben ist. Aber es heißt: "Die sechs Diener". Und im Märchen hat alles einen tiefen Sinn. Tatsächlich sind die sechs Diener Hauptfiguren bei dieser Platin-Geschichte. Zum Verständnis des Märchens bzw. des Platin-Heilungsweges erscheint es mir aufschlußreich, alle Personen, also nicht nur die Königstochter, als Gemütskräfte einer Platin-Seele zu sehen.

Auch in diesem Märchen geht es, wie schon erwähnt, um eine wunderschöne Königstochter. Sie war "das schönste Mädchen unter der Sonne. Ihre Mutter aber dachte auf nichts, als wie sie die Menschen ins Verderben locken könnte, und wenn ein Freier kam, so sprach sie, wer ihre Tochter haben möchte, müßte zuvor einen Bund (eine Aufgabe) lösen, oder er müßte sterben. Viele waren von der Schönheit der Jungfrau verblendet und wagten es wohl, aber sie konnten nicht vollbringen, was die Alte ihnen auferlegte, und dann war keine Gnade, sie mußte niederknien, und das Haupt ward ihnen abgeschlagen."
Und trotzdem findet sich in unserem Märchen erneut ein Königssohn, der das Unmögliche wagen will, die schöne Frau zu freien. Sein Vater aber verbietet es ihm, worauf der Prinz sieben Jahre lang krank darniederliegt und an nichts anderes als an die schöne Königstochter mehr denken kann - schließlich gibt der Vater die ersehnte Erlaubnis, und sofort kehren alle Lebenskräfte des Prinzen zurück, anderntags schon ist er gesund und bricht auf zu seinem kühnen Abenteuer.

Und nun geschehen seltsame Dinge: Er begegnet sechsmal nacheinander wunderlichen Gestalten, die ihm allesamt ihre Dienste anbieten: Da ist einer, der ist dick wie ein Berg und kann noch dreitausendmal dicker werden, wenn er sich aufbläst; da ist ein anderer, der kann alles hören, was sich in der Welt zuträgt, wenn er sein Ohr an die Erde legt; dann ist da einer, der ist so lang, daß man etliche Zeit braucht, um von seinen Füßen bis zu seinem Kopf zu kommen, wenn er liegt - und er kann sich noch leicht dreitausendmal größer machen, wenn er sich nur recht streckt; und weiterhin begegnet der Königssohn einem, der hat seine Augen verbunden, weil alles, was er anschaut, sofort auseinanderspringt; und einem fünften begegnet der Königssohn, der friert, wo es heiß ist, und schwitzt in der Kälte; und einen sechsten traf der Königssohn, der konnte einen langen Hals machen und hatte so helle Augen, daß er durch die ganze Welt sehen konnte...

Diese sechs Gestalten also treten nun in den Dienst des Königssohnes, und der märchenerfahrene Leser wird es schon ahnen: Sie werden es sein, die den Sieg über den Zauber der bösen Mutter und über den Stolz der schönen Tochter ermöglichen.
Im Märchen symbolisieren ja alle Personen seelische Kräfte. Es sei zugegeben: Eine klare Interpretation dieser sechs Diener liegt zunächst nicht so ohne weiteres auf der Hand. Aber mir legte sich eine Deutung doch sehr nahe, als ich aufgrund der Verwandtschaft des Märchens mit König Drosselbart nach dem "Platin-Sinn" forschte. Die zentralen Themen von Platin sind Stolz und Leidenschaft- und eben darum geht es wohl auch in diesem Märchen:
Die sechs Diener sind die Kräfte der Leidenschaft! Es sind aber verwandelte Kräfte.
In den langen Jahren des Leidens, in denen die Sehnsucht unerfüllt blieb und er ihr dennoch treu war und nicht von seinem Vorsatz abließ, war eine geheimnisvolle Veränderung in dem Königssohn vor sich gegangen. Niemand hatte etwas davon gemerkt, auch er nicht. Aber diese Veränderung ist es, die bewirkt, das jetzt, wo er sich der Zeit der äußeren Prüfung nähert, ihm wie von selbst Kräfte zuwachsen, die seine eigenen weit übersteigen. Es sind die Leidenschaften, die sich in der langen Zeit des Leidens an seiner unerfüllten Sehnsucht verwandelt haben - und nun zu helfenden Kräften geworden sind. Dem Königssohn schaffen sie kein Leiden mehr, sie dienen ihm. Er weiß es noch nicht, aber er wird es erleben: Er braucht die Leidenschaften, diese vor ihrer Verwandlung so dunklen, bindenden Kräfte, er braucht diese Energien - ohne sie ist es unmöglich, das absolute Ziel zu erreichen.

Der Dicke - das ist die Energie des Gierigseins, des sinnlichen Verlangens. (Vergleiche auch im Arzneimittelbild von Platin, zum Beispiel bei Kent (15): "Wolfshunger. Hastiges Essen von allem Erreichbaren").
Der Horcher - das ist die Leidenschaft des Wissensdurstes. Wissensdurst kann auch zur Leidenschaft werden, und wir lesen z.B. bei Gawlik (5), daß Platin ein durch Lernen und Studieren erworbenes großes Wissen besitzt. Und wenn man viel weiß, wenn man möglichst viel Information zu sammeln versteht, dann kann man groß und berühmt werden und auf die ungebildete Welt herabschauen.
Im Langen können wir unschwer den für Platin wohlbekannten Größenwahn wiedererkennen, jene Vorstellung, die Hahnemann mit den Worten beschreibt: "Alles um sie sehr klein..., sie selbst aber körperlich groß und erhaben". Im weiteren Sinne können wir die Leidenschaft, der Größte sein zu wollen, als Ruhmsucht und Ehrgeiz sehen .
Der mit den zugeschnürten Augen (vgl. Platin-Symptom: Gefühl, als sei der Kopf zusammengeschnürt) - ihn könnten wir als die leidenschaftliche Zerstörungswut verstehen (vgl. bei Platin: Gebieterischer Drang zu töten).
Der inmitten der Sonnenhitze Zitternde (Wir finden wieder, z.B. bei Mezger: "Frostzittern, ausgeprägte Kältegefühle") fällt ein bißchen aus dem Rahmen, und doch sei es mir erlaubt, auch diesen Diener als eine verwandelte Leidenschaft zu deuten: nämlich die Leidenschaft, Leidenschaft bekämpfen zu wollen, welche man Askese nennt.

Jene, die ganz kalt werden, wo es normalen Menschen heiß wird, die aber ordentlich glühen können, wenn gar kein Anlaß dazu besteht, die gibt es tatsächlich, wie jeder bestätigen kann, der sich beispielsweise mit der Geschichte der Kirchen und speziell der Orden beschäftigt hat.
Aus der Erfahrung, daß die Leidenschaften, insbesondere die sexuelle Leidenschaft, eben sehr viel Leiden schafft, hat man systematisch versucht, die Leidenschaften abzuschaffen, und sich so lange trainiert, bis man tatsächlich zum Kühlschrank wurde, wenn eine schöne Frau des Weges daherkam. Wir vergleichen wieder das Arzneimittelbild, z.B. bei Vithoulkas: "Versucht, die sexuellen Instinkte auf die geistige Ebene zu verschieben. Versuch, die Sinnlichkeit in geistige Sphären zu verschieben..." (6)

Der Königssohn ist inzwischen auf der Stufe der Leidenschaften emporgeklettert und nun auf der höchsten angelangt: bei der Übersicht oder der Erkenntnis. Alles zu verstehen, so ist man geneigt zu sagen, sei höchste Tugend. Aber auch das kann zu einer Leidenschaft werden. Ich denke da zum Beispeil an den Idealismus, den wir ja als zentrales Element von Platin kennen, und generell an den Versuch, das Leben durch philosophisches Denken zu bewältigen... .
All diese Kräfte also lähmen und binden den Köngssohn nicht mehr, sondern dienen ihm - aber eben durch sie und nur durch sie gerüstet kann er sich nun tatsächlich an das Werk machen, den Bund zu lösen, wie es ihm Märchen heißt: Indem er selbst ungebunden ist, kann er freien, was an die Macht der bösen Zauberkönigin gebunden ist.

Und tatsächlich: Er schafft es mit Hilfe der Diener, alle Aufgaben zu lösen. Die letzte gelingt ihm zwar nicht - er hätte in den Armen der Prinzessin wach bleiben müssen und ist doch eingeschlafen (treffender Ausdruck für das, was in leidenschaftlichen Beziehungen meist geschieht: Im entscheidenden Moment wird man unbewußt) - aber schließlich kann er die Zauberin doch überlisten.
Aber dann begegnet ihm ein unerwarteter Widerstand - es scheint, die böse Macht ist bis zum innersten Kern vorgedrungen: Die Prinzessin, die doch das Höchste verkörpert, ist selbst von Stolz erfüllt. Der Königssohn muß entdecken, daß er jetzt, wo er doch schon am Ziele zu sein scheint, in seiner absoluten Beziehung dem Stolz der Königstochter begegnen muß. Und wie grausam ist der Stolz! Hier begegnen wir wieder der Platin-Pathologie, die wir schon von Turandot her kennen: Die Prinzessin, die doch dem Königssohn schon im Arme lag und dann ihr Schicksal, daß sie wieder getrennt wurde von dem Liebenden, bejammert hat - sie entwickelt ein heftiges Verlangen, den zu töten, den sie zuvor in Liebe umschlungen hatte.

Ich erinnere mich an eine Platin-Patientin, die mir erzählte, wie sie ihre heiße Leidenschaft für einen Mann bewältigte, der sie seit Monaten unwiderstehlich anzog, sie Tag und Nacht beschäftigte und gegen den sie sich doch äußerlich jedesmal absolut kalt verhielt, damit es ja nicht zu einer Verbindung kam. Um den schrecklich brennenden Konflikt in ihr zur Ruhe zu bringen, ersann sie folgende Phantasie: In ihrer Vorstellung warf sie den Geliebten in eine Mühle, vermahlte ihn zu Mehl, buk aus diesem Mehl einen Kuchen und aß ihn. Eine seltsame Vermä(h)lung... .

Stolz, mit dem der Königssohn im Märchen sich auseinandersetzen muß, war ein ständiges Thema meiner homöopathischen Erfahrung mit Platin.
Lange ging ich der Frage nach: Was macht Platin denn so stolz? Mir kam eine Antwort, die einleuchtete: Platin ist stolz, weil es so etwas wie eine Erfahrung des Absoluten gemacht hat. Allerdings - der Stolz ist eigentlich nicht die angemessene Antwort auf so eine Erfahrung.
Einige Tage nach der Einnahme von Platin wanderte ich durch eine Buchhandlung und kaufte mir ein Buch. Ich hatte nicht hineingeschaut, nur das Titelblatt hatte mich zum Kauf motiviert. Es war das Buch "Briefe eines russischen Starzen" von Igumen Nikon. (24) Ich habe es auch gelesen, und zwar fast an einem Stück. Sehr beeindruckt hat mich die Antwort auf eine Frage, die mich schon immer beschäftigt hat, seit ich die Bibelstelle Mathäus 12,43 kenne: Wer ist der unreine Geist?
"Ein unreiner Geist, der einen Menschen verlassen hat, wandert durch die Wüste und sucht einen Ort, wo er bleiben kann. Wenn er aber keinen findet, dann sagt er: Ich will in mein Haus zurückkehren, das ich verlassen habe.
Und wenn er es bei seiner Rückkehr leer antrifft, sauber und geschmückt, dann geht er und holt sieben andere Geister, die noch schlimmer sind als er selbst. So wird es mit diesem Menschen am Ende schlimmer werden als vorher."
Für Igumen Nikon ist der unreine Geist der Stolz. Und darum geht es in diesem Buch so viel um die Demut.

Demut ist die einzig angemessene Antwort auf die Erfahrung, die im Märchen in der Verbindung von Königssohn und Königstochter symbolisiert wird. Auch das Märchen endet damit, daß nach dem Sieg des Königssohnes über alle Schikanen der beiden Frauen der Weg der Demut für die Königstochter beginnt. Und das Schicksal ist gnädig mit ihr. Die Buße ist denkbar gering. Die Prinzessin nimmt sie an - deshalb wohl geht es so schnell.

Ein Platin-Heilungsprozeß zeigt sich vielleicht im besonderen in der Bereitschaft, eine Demütigung bereitwillig anzunehmen.
Ich erinnere mich an eine Situation im praktischen Jahr, als eine Ärztin, an Jahren jünger als ich, mich vor einer großen Patientenzahl schrecklich bloßstellte, weil ich die verschiedenen Ikterusarten nicht recht auseinanderhalten konnte. Diese Demütigung tat mir unheimlich gut - ich konnte gar nicht begreifen, wie so etwas nichts als einen gewaltigen Stoß positiver Energie in mir freigesetzt hatte.
Im Märchen ist das jedenfalls der Weg, der zu guter Letzt zur Vermählung der Königstochter mit dem Königssohn führt. "Die Hochzeit ward gefeiert, und der's erzählt hat, wollte, er wäre auch dabeigewesen." (19)

Johannes Latzel,
Praxis J.Becker, Zähringerstr. 349,
78 Freiburg

 

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