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Thuja
Wenn ein Thujapatient die Praxis betritt, ist er nicht unmittelbar zu identifizieren: Er wird sich freundlich und zuvorkommend oder zumindest korrekt benehmen, er erscheint zunächst angenehm, nur selten ist gleich zu Anfang etwas zu erkennen von den möglicherweise hintergründigen Dingen, die Thuja liefern kann. Gepflegte Kleidung, die eine konservative Einstellung verrät, oder aber, vor allem bei jungen Damen, sehr modische Kleidung mit Körperbetonung (enge Hose, kurzer Minirock, enganliegendes Oberteil) oder sehr üppige Kleidung, alles lommelig weit und flauschig. Hinter dem korrekten Aussehen steckt ein schlanker Körper, hinter dem üppigen ein ebenso fülliger, der durch die Kleidung noch betont wird. Die Kinder sind zurückhaltend und scheu, weichen aus und schweigen.

Thuja ist hygroskopisch, d.h. es zieht Wasser an und ist dementsprechend häufig aufgeschwemmt. Dickliche Naturen, dicke Finger (nicht unbedingt kräftig), zu volles Gesicht, ölige, gelbe Gesichtshaut, rundliche Formen. Frauen können eine sehr erotische Ausstrahlung haben, Männer einen massigen Eindruck machen. Viele Haare fallen einem auf, ein dichter Schopf mit gewellten Haaren oder dichte dunkle Rücken- und Brustbehaarung bei Männern. "Haare an unüblichen Stellen" (im Kent fälschlicherweise als Haarausfall an unüblichen Stellen übersetzt). D.h. affenartige Behaarung, was einen tierischen Eindruck machen kann. Die schlanken Thujapatienten haben scharfe Linien im Gesicht und wirken härter als die anderen (häufigeren), die meist mehr Warzen aufweisen; braune Flecken, breite, braune, warzenähnliche Gebilde, Naevi, solche Dinge zeigen fast alle Thujapatienten irgendwo. Möglicherweise kommt der Patient schwitzend herein, und der Schweiß findet sich hauptsächlich an den unbedeckten Körperstellen (Gesicht, Glatze, Haare, Hände und Füße). Daneben ist hauptsächlich Schweiß an der Innenseite der Oberschenkel und ums Genitale herum auffällig; er riecht süßlich. Thuja schwitzt viel, besondererweise nachts, unmittelbar nach dem Einschlafen (Silicea, Conium). Man sollte nicht vergessen, daß Thuja, wie erwähnt auch eine starre und harte Seite hat: harte Gesichtszüge, verschlossenes Wesen, ein Härte- und Zerbrechlichkeitsgefühl in den Gliedern, Verhärtungen der Drüsen, vor allem der Prostata. Vielleicht am deutlichsten tritt die Verhärtung dann zutage, wenn man Thuja von etwas überzeugen will: Er wird mit äußerlicher Weichheit, innen jedoch völlig un-beugsam und starr auf seiner Meinung beharren und durch nichts davon abzubringen sein. Thuja ist inert gegen Fremdeinflüsse, könnte man sagen, und so bestehen die massivsten Beschwerden nach Impfung mit Fremdeiweiß (insbesondere nach der alten Pockenserumimpfung, welche man niemals wiederholen durfte, ohne Lebensgefahr durch anaphylaktischen Schock zu riskieren). Ebenso empfindlich ist Thuja gegen die Folgen des Eindringens des männlichen Samens bzw. der begleitenden Bakterien, wogegen sich der Organismus mit entsprechenden Symptomen zur Wehr setzt. Kaum ein anderes Mittel wehrt alles Fremde so von sich ab und bewahrt damit seine Eigenständigkeit so skrupellos wie Thuja. Nur fordert einem diese Eigenständigkeit im pathologischen Fall keine Achtung ab, sondern vielmehr Abscheu vor der Rücksichts- und Skrupellosigkeit und dem selbstherrlichen Gehabe.

Der starke Wassergehalt des Thujapatienten führt dazu, daß Thuja feuchtes Klima schlecht verträgt und Beschwerden von feuchtem Wetter und feuchten Umgebungen bekommt. Symmetrische Ekzeme an den Unterlidern werden erwähnt, Geukens berichtet von Haarausfall an den äußeren Augenbrauenenden (Thallium), im allgemeinen ist jedoch die Haarfülle charakteristischer. Der Gesamtmensch ist also ähnlich wie die Warze fleischig, weich, verletzlich und stinkend (wenn auch längst nicht so wie Psorinum, Hepar oder Sulfur); das Stinken kann sich auf ein Zuviel an Parfüm beziehen, und auch die Schminke der Damen ist gerne zu dick aufgetragen und sehr farbenprächtig. Das ZUVIEL, Kennzeichen der Sykose, ist also im Zentrum von Thuja zu finden. Was man bei der ersten Begegnung erzählt bekommt, ist durchaus im Rahmen des normalen, das Übertriebene fällt gar nicht auf, denn Thuja zeigt das nicht öffentlich und keinem Fremden. Es hat gewöhnliche Beschwerden wie jeder andere auch, und Thuja ist nicht gleich im ersten Moment zu erkennen.

Der Eindruck, den Thuja bei feinerem Hinfühlen machen kann, ist dann jedoch der, daß da einiges verborgen wird. Einer meiner Thujapatienten machte mir beim ersten Begegnen den Eindruck, als sei er irgendwo beim Geheimdienst. Dieser Eindruck wurde in meiner Praxis noch verstärkt dadurch, daß mindestens die Hälfte meiner Thujapatienten aus Osteuropa stammt: Ungarn, Bessarabien, Rumäniendeutsche. In diesen Ländern werden viele Zwiebeln gegessen, und Thuja hat eine starke Beziehung zu Zwiebeln (Verlangen bzw. Unverträglichkeit). Die Zwiebel, dies vielschichtige Wesen, entspricht auch ganz dem Charakter von Thuja, das aus unendlich vielen Facetten besteht, welche nebeneinander bestehen und nicht verschmolzen sind. Dies ist jedoch nicht auf den ersten Blick und nicht bei der ersten Begegnung zu erkennen, sondern eröffnet sich dem Therapeuten erst viel später, wenn er den Thujapatienten persönlich und näher kennengelernt hat - wie man ja auch bei der Zwiebel von außen nur die glatte Schale sieht. Das Zuviel ist wesentlich offensichtlicher. Die Kleidung von Thuja kann insgesamt zwar elegant sein, ist jedoch nie fein, ebenso wenig wie die Art des Schminkens nie die Perfektion und Feinheit von Arsen und Silicea erreicht.

Die Beschwerden, über die Thuja klagt, erstrecken sich von Asthma über den rheumatischen Formenkreis zu Kopfschmerzen und Durchfällen. Morgendurchfälle, die aus dem Bett treiben (hier muß das Mittel im Kent ergänzt werden) und die stinken. Unverträglichkeit von Tee und Süß, Verlangen nach Salz (der Tee kann Neuralgien hervorrufen). Neuralgien sind überhaupt eine Thujabeschwerde: Es finden sich Herpes zoster- Neuralgien, insbesondere an der Brust oder im Gesicht und über der linken Augenbraue. Allgemein ist die linke Seite stark betont bei allen Beschwerden.

Es gibt reichlich Urogenitalbeschwerden, insbesondere jedoch unspezifische Urethritiden. Trichomonadeninfektionen, chronische Gonorrhoe. Bei jeder Unpäßlichkeit besteht häufiger Harndrang, es können alle Sorten von Blaseninfektionen vorkommen. Bekannt ist das komische Gefühl, daß ein einzelner Tropfen durch die Harnröhre rolle, nachdem man Wasser gelassen hat. Ebenfalls auffällig das Symptom, als ob ein einzelner Tropfen in der Brust herunterfalle. Die Feuchtigkeit verschlimmert das Asthma von Thuja. Eine zeitliche Betonung der Asthmaanfälle findet sich bei 3 Uhr und 15 Uhr (Schlafstörungen).

Ein wesentliches Gebiet von Thuja sind die Nasennebenhöhlen und die Nase selbst: Der Schnupfen ist sehr schleimreich, der Schleim hellgelb-grün, es kann eine chronische Otitis media bestehen, mit Paukenerguß und Schwerhörigkeit; alles ist schlimmer durch feuchte Kälte. Überhaupt ist das Schleimige ein wesentlicher Zug von Thuja, der sich auf allen möglichen Gebieten findet: Schleimhautkatarrhe aller Schattierungen, die Behandlung von Warzen mit Darüberkriechenlassen von Schnecken, auch ein schleimiges Wesen kann vorkommen, welches nicht zu greifen ist und was u.a. dazu beiträgt, daß man den Thujacharakter so schwer beschreiben kann.

Die schon erwähnten, uns sehr bekannten Warzen von Thuja, welche häufig mit Urtinktur lokal behandelt werden (was auch erfolgreich sein kann), finden sich überall am Körper. Besondere Vorliebe für Warzen zeigen natürlich die feuchten Orte, die Genitalien und der After (Condylome). Auch Nasenschleimhautpolypen gibt es bei Thuja mehr als bei anderen Mitteln sowie Polypen auf den Stimmbändern, was zu Heiserkeit und Verschleierung der Stimme führt. Thuja umgibt sich überhaupt gerne mit vielen Schleiern: viele Wesensschichten, die man nur langsam entschleiert wie beim arabischen Schleiertanz; Thuja zieht gerne einen gewissen Nebelschleier um alles, was nicht ganz recht war in seinem Leben, und da kann sehr viel sein. Auch das eigene Gewissen verschleiert Thuja vor sich selbst, wie später noch dargestellt werden wird. Die Warzen sind dick, fleischig, weich, leicht verletzlich, feucht, nässend und bluten leicht, können sehr zahlreich sein und in Gruppen auftreten, die linke Körperseite ist wiederum betont (linke Unterlippe, linke Fußsohle). Kopfschmerzen bestehen, wie schon erwähnt, vor allem über dem linken Auge sowie im linken Hinterkopf und strahlen in die ganze linke Gesichtshälfte aus. Die Haare sind üppig, es kann jedoch viele Schuppen geben - kleine weiße, wie Schnee (Natrium muriaticum). Ekzeme finden sich vor allem an bedeckten Körperstellen, wo man sie nicht sehen kann - also verborgen wie so vieles bei Thuja. Sie können vielerlei Formen annehmen, stark jucken und gelblich sezernieren, wie auch der Schweiß gelblich gefärbt sein kann. (Bei der heute üblichen bunten Bettwäsche und den farbigen Schlafanzügen merkt das bloß keiner mehr).

Obwohl Thuja so schwitzt, leidet es doch sehr unter Kälte, es kann auch einseitige Kälte haben, vermehrt links (die eine Seite weiß nicht, was die andere tut), Kopfschmerzen werden schlimmer in der Kälte, besser in der Wärme. Die gynäkologischen Symptome bestehen aus einseitigen (links) Ovarialschmerzen und Dysmenorrhoe, die in die Leiste und in die Oberschenkel ausstrahlen können. Die Vagina ist sehr empfindlich, es finden sich Ausfluß und Condylome, Wundheit und Ekzeme drumherum.

Bei kleinen Kindern Bettnässen, häufiger Harndrang, Nierenbeschwerden nach kalt-nassem Wetter.

Bekanntermaßen sind die Fingernägel deformiert, verkrüppelt, brüchig, gespalten, längs- und quergerillt und wachsen schnell. Auf der Haut kann sich eine Cellulitis finden, an der Nase ein Rhinophym. Gerstenkörner an den Augenlidern, Warzen dort und auf der Nase.

Extremitätenschmerzen finden sich an kleinen Stellen mit fadenförmiger Ausstrahlung, Bewegung bessert, Wärme hier jedoch nicht, sondern Kühle. Überhaupt gibt es viele rheumatische Symptome: linksseitige Ischialgie, Gelenkknacken, Gelenkschwellungen (auch Schwellung der Fingerspitzen). Auffällig sind die Ankylosierungen der Ge-lenke, was zu langsamen Kontrakturen führt (Causticum), so daß das Strecken der Gelenke besonders schmerzhaft ist. Steifheit im Rücken, rheumatische Gelenkschmerzen nach Gonorrhoe, Rückenschmerzen beim Aufrichten (Strecken verschlimmert), Rückenschmerzen auch nach Verletzungen (Hypericum). Die Beine sind schwach, die Schmerzen ziehen umher (Pulsatilla).

Thuja schläft schlecht, insbesondere nach 3 Uhr nachts, und es träumt bei Linkslage. Trauminhalte z.B. von Toten und Friedhöfen sowie vom Fallen.

Mein erster Thujapatient war ein pensionierter Lehrer, der nie verheiratet gewesen war und spontan von häufig wechselnden Sexualpartnern erzählte. Er kam von Schweiß triefend in die Praxis, nachdem er vom übernächsten Ort bei Sonnenhitze herübergewandert war, und klagte über Zosterschmerzen an der linken Brustseite. Außerdem gab es immer irgend etwas an seinem Genitale zu besichtigen, welches er freizügig herzeigte. Seine Glatze war bedeckt von Warzen und Schweißtropfen, und er hatte etwas an sich, was man nicht gerne anfassen mag. Was bei ihm fehlte, und was bei Thuja als einem von wenigen Mitteln vorkommen kann, sind deutlich sichtbare Varizen an den Nasenflügeln bzw. unter der Zunge. Häufiger sind bei Thuja Varizen an den Unterschenkeln, was auch dem starken Wassergehalt entspricht.

Nachdem ich bei diesem Patienten Thuja zunächst nicht erkannt und andere Mittel gegeben hatte, erhielt er dann irgendwann endlich Thuja einmalig in der 200. Potenz. Seither (4 Jahre) hat er nie wieder Beschwerden gehabt. Ich höre nur durch die Verwandtschaft, bei der ich gelegentlich nachfrage, daß er weder den Arzt gewechselt hat noch krank geworden ist. Thuja gehört also womöglich zu den wenigen Mitteln, bei denen man hohe Potenzen nicht so häufig zu wiederholen braucht, wie das u.a. bei Ignatia oder Apis der Fall ist, oder bei Lycopodium und Natrium. Was mir häufiger begegnete, waren Menschen, die mir zunächst nicht ekelig waren. Das Bedürnis, mit ihnen nicht umgehen zu müssen, kam erst im Laufe des Kennenlernens. Thuja ist eines der Mittel, welches in Wirklichkeit angefaßt werden will, und daß Thuja im Kent unter "will nicht angefaßt werden" steht, heißt nur, daß es einen zunächst nicht recht an sich heranläßt; sie sind auch nicht zu greifen, da sie keine eindeutige psychische Form haben. Der erste Eindruck trügt oft, bzw. man hat gleich den Eindruck, daß da noch viel dahinter ist, wovon man besser keine Ahnung hat. Was der Thujabaum schon zeigt, nämlich seine reiche Verzweigung, immer sich weiter gabelnde Zweige, findet sich auch in körperlichen Beschwerden und im psychischen Thujabild wieder: gespaltene Fingernägel u. Haare , geteilter Harnstrahl (bedingt durch Adhäsionen in der Harnröhre), im psychischen die Wahnidee, Körper und Seele seien getrennt und andere schizophrene Züge, am häufigsten jedoch eine tatsächliche Vielteilung des Bewußtseins bzw. Gewissens: Da ist eine Seite, welche ein hohes moralisches Empfinden hat; es handelt sich um einen frommen Menschen, sehr hingebungsvoll in religiösen Praktiken, einen vorbildlichen Christen, der keinen Kirchgang am Sonntag ausläßt, und stünde das eigene Haus in Brand. Es kann zu richtigem Fanatismus entarten, der wie ein religiöser Tick imponieren kann - aber auch echter Frömmigkeit, echter Ehrfurcht, tiefen religiösem Empfinden kann man bei Thuja begegnen. Daneben steht jedoch ein völlig unmoralischer Mensch, der kein Gewissen zu kennen scheint, keine Rücksicht (aber Rücksichtnahme von anderen ständig erfordert), der keinerlei moralische Bedenken hat und jedem Trieb hemmunglos folgt. Da gibt es keine Grenzen, keine Wertvorstellungen, die halten, keinen inneren Maßstab und keinen Weg, alles geht durcheinander, jeder Impuls wird sofort verfolgt, was zu einem totalen Chaos führen kann (Gemüt, chaotisch, I). Chaos in bezug auf Tagesrhythmus, Essenszeiten, überhaupt die Zeiteinteilung, Bekanntschaften, Wertvorstellungen, Geld, Arbeit, kurz: wie die Wucherungen von wildem Fleisch wuchert über allem die Emotion, die durch nichts in Grenzen gehalten wird. Formloses Zuviel, wie dies bei Warzen und anderen Wucherungen (Myome wurden noch nicht erwähnt) im körperlichen Bereich zu finden ist. Thuja ist unfähig zur Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung, jedoch sehr wohl fähig zu Selbstvorwürfen. Es ist eine pathologische Spontaneität, er selbst und die anderen wissen nie, was als nächstes kommt. So wie der Lebensbaum wuchert und nie fertig ist, so ist auch der Thujapatient nie fertig und nie pünktlich, nichts ist abgeschlossen und geformt. Kein Versprechen wird gehalten, obwohl viele gegeben werden, keine Vereinbarung, kein Vertrag, nichts gilt mehr. Was er gestern gesagt hat, hat er heute vergessen, wirklich vergessen, daß er gestern seine Frau verprügelt hat, ist heute wirklich nicht mehr wahr, denn heute liebt er sie und überschüttet sie mit dicken Rosensträußen und Haufen von Pralinen. Thuja liebt das Süßliche, beim Essen gerne das Musige, Weiche, wo man nichts kauen und keinen Härten widerstehen muß. Thuja hat keine Mühe, jede Menge Geld, sei sie noch so hoch, auszugeben, und das nicht für andere, sondern zum eigenen Genuß: ein dickes Auto, und jedes halbe Jahr ein neues, ein amerikanischer Straßenkreuzer mit Plüschsitzen oder ein violett-metallic gespritztes Mercedes-Coupé mit weißem Lenkrad und weißen Sitzen (und üppigem Benzinverbrauch). Üppige Kleidung, häufig was Neues, im teuersten Geschäft (jedoch ohne wirklich sicheren, guten Geschmack). Gut ist, was teuer und viel ist.

Die starke Religiosität kann wechseln mit völliger Empfindungslosigkeit religiösen Dingen gegenüber, wobei religiöse Praktiken trotzdem ausgeübt werden . Hemmungslose menschliche Härte und Rücksichtslosigkeit. Ein Vater kann einerseites seine Kinder zärtlich und liebevoll behandeln, faszinierende Abenteuerurlaube mit ihnen unternehmen und der tollste Vater auf Erden sein, am nächsten Tag kann er sie jedoch sinnlos verprügeln, tagelang in die Dunkelkammer sperren bei Wasser und Brot, empört sein über kleine Dummheiten, und sie am übernächsten Tag mit völlig übertriebenen Geschenken verwöhnen, also auch hier wieder ganz seinen jeweiligen Trieben folgend. Eine Frau kann liebevoll hingebend und weich sein, ihre starke erotische Begabung extrem ausleben und viele Liebhaber haben, mit der gleichen Hemmungslosigkeit läßt sie jedoch eine Abtreibung vornehmen, ohne jemals schlechtes Gewissen zu bekommen. Am nächsten Tag kann sie jedoch wieder ein extrem schlechtes Gewissen bekommen, untröstlich sein und heulen wie ein Schloßhund, in Tränen zerfließend, voller Selbstmitleid und Verzweiflung über die eigene Schlechtigkeit. Wenn dies häufiger vorkommt, schleicht sich eine chronische Angst vor dem Verlust des Seelenheils ein, welche dem Therapeuten nicht unberechtigt erscheint. Angst vor der Strafe Gottes und überhaupt tausend Ängstlichkeiten . Aus diesem Grund wird nun eine Pilgerfahrt unternommen ins ferne Jugoslawien, wobei natürlich die Fahrt in einem Stück zurückgelegt wird, mit zwei Thermoskannen Kaffee vorne drin, ohne Halt zwischendurch.

Hingebungsvoll rutscht er den heiligen Berg zur Mutter Gottes auf den Knien empor, was ihn jedoch nicht hindern wird, auf der Heimfahrt seine Frau zu betrügen, ohne jemals auf die Idee zu kommen, daß sie ihm dies übelnehmen könnte.

Fremden gegenüber ist Thuja zuvorkommend, freundlich, ein charmanter Gesellschafter, dem viele Frauen zu Füßen liegen, der gut tanzt, geistreiche Geschichten erzählen kann und sehr vielseitig interessiert ist. Zu jedem Thema weiß er etwas zu erzählen, er schillert in allen Farben, wird sich jedoch selten auf irgendeine Meinung wirklich festlegen, er weicht aus und geht seiner Wege, denn bei Konfrontationen müßte man hinstehen und eine Linie zeigen, und das kann er nicht. Fremden gegenüber freundlich, kann er ein ordentlicher Haustyrann sein, die Schüchternheit außer Hause wechselt mit Rücksichtslosigkeit daheim ab.

Der Fahrstil ist wie der Lebensstil. Hemmungslos, folgt jedem Impuls, was zu häufigen Konfrontationen mit der Polizei führt. Überhaupt kann das Verhalten von Thuja geeignet sein, oft mit dem Kadi in Berührung zu kommen. So passiert es leicht, daß er oder sie absinkt ins "Milieu", und davor kann ihn nur ein sehr feststehender Partner bewahren, der ihm immer wieder Halt gibt. Dieser Partner ist nicht zu beneiden, wenn man die Hemmungslosigkeit von Thuja betrachtet. Wie der Baum ist auch Thuja als Wesen biegsam in jede Richtung, jedoch nicht zu zerbrechen, von enormer Vitalität, welche die schwierigsten und chaotischsten Situationen unberührt durchsteht. Die Vitalität ist ungemein ("Lebensbaum"), verbraucht sich jedoch nicht so sehr für sinnvolle Dinge, sondern in der Sinnlosigkeit der chaotischen Lebensführung. Thuja macht gerne viel Wind um nichts, und es gibt körperliche Beschwerden durch Wind.

So wie beim Thujabaum die Verzweigungen und bei der Zwiebel die verschiedenen Schalen von außen nicht zu erkennen sind, so sind bei Thuja die vielen Seiten seiner Seele von außen gar nicht wahrnehmbar. Deshalb erleben die Bekannten und Verwandten von Thuja häufige Überraschungen (an welche man sich mit der Zeit gewöhnt), ein pathologischer Thujapatient kann es jedoch durchaus zu einem spinnigen Ruf bringen. Alles ist exaltiert, übertrieben, nichts ist normal, nichts gleichmäßig, man weiß nie, woran man ist. Ein Thujakind, welches in der Praxis vor mir saß, hielt meinen Blick eine Weile aus und wich dann, die Augen im Kreis herumführend, meinem Blick aus, was zwar einen witzig verlegenen Eindruck machte, in Wirklichkeit jedoch Zeichen seiner Ungreifbarkeit war. (Der Blick von Acidum phosphoricum weicht nach oben aus, Arsen, Natrium und Chamomilla sehen einen nur kurz an und blicken dann zur Seite). Das Kind war durch Fremdinsemination empfangen worden, und von dieser Aktion war außer dem Vater keinem in der Familie etwas bekannt. Dieser Knabe von jetzt vier Jahren sorgte auch für Überraschungen, und die Mutter wußte nie, wann er jetzt aggressiv und wann er lieb sein würde. Er gab z.B. eine Vorwarnung: "Jetzt wirst du gleich etwas erleben", wobei sie sich auf das Schlimmste gefaßt machte. Aber was machte er? Er räumte sein Zimmer tip top auf. Zur kleineren Schwester konnte er liebevoll zärtlich, im nächsten Augenblick aber völlig gefühllos und hart sein. Er war dunkelhaarig, gelbhäutig und hatte eine Art Haifischmund, was ihm einen harten Gesichtsausdruck verlieh. Seine Beschwerde: chronische Polypenschwellung mit Paukenerguß und Schwerhörigkeit. Er hörte zwar schlecht, andererseits wollte er auch nicht hören und zeigte mit keiner Miene, ob er tatsächlich gehört hatte oder nicht: man weiß es nie.

So ist bei Thuja alles verborgen, geheim, schon als Kind werden je nach Laune die einen oder die anderen Sachverhalte im Unterbewußtsein so versteckt, daß er sich selbst nicht mehr daran erinnert.

Thujakinder werden bei Borland als sensibel und verletzlich sowie als sehr musikempfindlich beschrieben (Ambra, Tarantula). Bekannt sind die Kariesbildungen an den Zahnwurzeln, nicht an den Zahnkronen.

Es findet sich bei Thuja eine deutliche Beziehung zum Geistigen und Heiligen. Ein Thujamensch kann sich mit Spuk umgeben, dessen unheimlichen Nimbus genießen und andere damit erschrecken. Ganz im Einfachen begegnet einem das Geistartige beim Warzenbesprechen (an einer Weggabelung, nachts bei Neumond, und keiner darf davon etwas erfahren, sonst wirkt es nicht), auch finden sich echte Kontakte mit der negativen Geisterwelt in einer Mischung von Angst und Faszination. Düstere Häuser mit dunklen Möbeln, umstanden von hohen Koniferen, darinnen eine vitale Wahrsagerin, welche alle Beschwerden mit einem goldenen Riesenpendel auspendelt und für jede Krankheit eine homöopathische Therapie weiß, in deren Umgebung man sich jedoch eines gewissen unheimlichen Fröstelns nicht erwehren kann. Auf diese oder andere Arten liebt es Thuja, andere unter seinen Einfluß zu bringen oder von sich abhängig zu machen, was ihm mühelos gelingt. Andererseits wächst der Thujabaum auf dem Friedhof als "Wächter bei den Toten", wo ja durchaus die Geister der Verstorbenen noch unterwegs sein können und für entsprechend Sensible auch zu sprechen sind.

Kent beschreibt eine weitere pathologische Form der Beziehung zur Religiosität: Überzeugung, unter einer überirdischen Macht zu stehen, oder Gefühl, es stehe jemand neben ihm; Wahnidee, als sei der Körperzusammenhang aufgehoben oder als seien Körper und Geist getrennt. So wie Thujabäume auf dem Friedhof, so ist der Thujamensch auch in einem Gebiet zwischen Körper und Geist angesiedelt.

Hahnemann entdeckte die Wirkung von Thuja bei einem Mann, der über dicke eitrige Ausscheidungen aus der Harnröhre und ein brennendes Gefühl beim Wasserlassen klagte. Hahnemann unterstellte eine Geschlechtskrankheit, welche der Mann, ein Theologiestudent, jedoch vehement leugnete. Dieser Mann hatte einige Blättchen eines Thujabaumes abgepflückt und gekaut, woraufhin diese Krankheit entstanden war. In China ist Thuja das Symbol für Keuschheit (Vermeulen), bei uns ein wichtiges Mittel zur Behandlung von Geschlechtskrankheiten. Da Thuja nur seinen Impulsen folgt und keiner Einsicht, lernt es nur durch Leiden. Infolgedessen sind Thujaleiden häufig "Folge von - Leiden". Wenn ihm dies zuoft widerfuhr, und er sich nicht zu Veränderungen überwinden konnte, begegnet ihm mit der Zeit zu viel Negatives, und er wird pessimistisch und schwarzseherisch. Dann gilt kein Wert mehr, nichts ist mehr erfreulich, nichts ist mehr gut, die Lippen werden schmal wie ein Strich, der Blick finster, die Welt sinnlos: Was dann noch lebt, ist reine Energie und totales Chaos. Dann kann es auch zum Selbstmord kommen, eher durch gewalttätige Methoden als durch Tabletten: auch hier noch ein Zuviel an Kraft und an Aufwand.

Man soll jedoch nicht vergessen, daß Thuja auch sehr positive Seiten haben kann: Da ist erst einmal auffällig, daß sich Thuja nicht um die Meinung anderer schert; was die denken, beeinflußt ihn überhaupt nicht!

Eine ihrer Haupteigenschaften ist eine äußerst lebhafte Phantasie, und so kann Thuja sehr kreativ sein und tausend Ideen haben, auch wenn sie noch so verrückt sind. So ist Thuja geeignet, sehr erneuernd zu wirken und Leben in alte Verhältnisse zu tragen. Durch Thuja gibt es Abwechslung, Spontaneität und auch Wärme. Wegen seiner Vielschichtigkeit kann Thuja auch mit vielerlei Situationen umgehen, falls die psychische Pathologie nicht zu weit fortgeschritten ist: Es kann liebevoll, zutraulich und warm sein, ein großes Herz für Kinder haben und im Spielen mit ihnen jede Menge Ideen entwickeln.

Als Frau ist Thuja liebevoll und hingebungsvoll, einfühlsam und weich, mehr Motor als Halt für ihren Mann.

Der Mann kann mit seiner unendlichen Energie jede Menge kritischer Situationen durchstehen, er hat viel Kraft und Durchhaltevermögen, und beide können großzügig sein und schenken gerne. Sie können gut mit anderen Menschen umgehen, sind beliebt und gute Gesellschafter; Sie halten jeden Teenachmittag und jede Party bis zum Ende aus, ohne zu ermüden. Wenn Thuja zu Besuch kommt, rechnen Sie damit, daß er nicht vor Mitternacht wieder geht, auch wenn der Besuch für vormittags zu einem Drink um 10 Uhr vorgesehen war. Hier kann Thuja unendlich viel Sitzfleisch haben und im Gespräch kein Ende finden. Das pathologische Thuja wäre jedoch getrieben und unruhig, kann keine Nacht gut schlafen und hält es nirgends lang aus.

Wenn man durch Bayern fährt, sieht man immer wieder Feldkreuze, welche von Thujabäumen flankiert sind. Was tut Thuja neben dem Kreuz? Sind damit die beiden Verbrecher gemeint, welche mit Christus gekreuzigt waren? Ich meine eher, Thuja steht am Kreuz wie Maria Magdalena am Kreuz stand: Sie war wohl eine der wenigen, die Christus auch im Menschsein wirklich verstanden hat, und damit stand sie ihm näher als alle anderen Menschen. Sie war mehr berüchtigt als berühmt, wie man aus der Szene ersehen kann, wo sie ins Leben Christi eintritt: Bei einem üppigem Gastmahl, zu dem Jesus bei einem Pharisäer geladen ist, betritt sie den Raum, und sie ist offensichtlich in der Gesellschaft bekannt, denn alle rümpfen die Nase: Was, du gibst dich mit dieser da ab und läßt zu, daß sie dich... usw.. Maria Magdalena fällt Jesus zu Füßen, und sie überschüttet ihn verschwenderisch mit einem teuren Parfüm und trocknet seine Füße dann mit ihren Haaren ab (auch eine etwas übertriebene Geste.). Jesus entschuldigt sie jedoch vor den anwesenden Gästen: egal wie ihr Ruf bei den Menschen ist, vor Gott steht sie nicht schlecht da, denn sie hat echt geliebt. Was sie Jesus entgegenbrachte, war eine totale Hingabe, die zu einem tiefinnigen Verhältnis auf allen Ebenen geführt hat. Wie Thuja im Krankheitsfall seinen Emotionen hingegeben ist, so kann es ebenso stark sich höheren Inhalten hingeben, und diese Fähigkeit ist die große Chance von Thuja. Es ist eine lebensvolle, kraftvolle Hingabe mit der ganzen Fülle des Herzens und der Seele, ohne etwas zurückzuhalten, ungeteilt.

 

Dr.med. Johannes v. Redwitz, Homöopathischer Arzt, Schillerstr. 8, Boll

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